Die Türmer der Stadt Neustadt
Türmer in alter Zeit
Neustadt war ehemals eine gut befestigte Stadt mit einer kompletten Stadtmauer, die tags und nachts bewacht werden musste. Schon im frühen Mittelalter besetzte man Kirchtürme wegen der sehr weit reichenden Rundumsicht gerne mit zusätzlichem Wachpersonal.
Berichte aus alten Ratsprotokollen und sonstigen Schriften berichten über eine ganze Reihe von frühen Türmern. Den Türmern war vom Kurfürsten das Recht verliehen worden, als einzige im Oberamt Neustadt öffentlich zur Musik aufzuspielen. Die Türmer spielten, teilweise zusammen mit ihren Gesellen, entweder selbst oder versteigerten das Recht, Musik zu spielen, an andere.
Die Stadttürmer hatten die Aufgabe, vor anrückenden feindlichen Truppen zu warnen. Außerdem mussten sie bei einem Brand die Bewohner alarmieren. Dieser Wachdienst war dem Stadtrat so wichtig, dass er den Türmern zunächst einen Aufenthaltsraum mit Auslug in der Spitze des Südturms einrichten ließ, der später zu einer Art Wohnanbau erweitert wurde. In die Türmerzeit von Balthasar Noldau fällt der Umbau des Wohnanbaus auf dem Südturm in das heute noch vorhandene Häuschen.
Die Türmerfamilie Hayn
Bald nachdem das endgültige Turmhaus errichtet war (1739), versah in ununterbrochener Reihenfolge für 226 Jahre die Familie Hayn den Türmerdienst, beginnend mit Johann Georg Joseph Hayn (I) (1755-1811). Ihm folgten Türmer und Türmerinnen: Johann Nikolaus Hayn (1783-ca. 1790), Johann Georg Joseph Hayn (II) (1811-1829), Barbara, Witwe von Joseph Hayn (II) (1829-1848), Johann Georg Joseph Hayn (1848-1877), Franz Xaver Hayn (1877-1903), Philippina, Witwe von Franz Hayn (1903-1917) und schließlich Heinrich Franz Hayn (1917-1970).
Heinrich Hayn, der letzte Türmer von Neustadt
Heinrich Hayn wurde am 18. September 1891 in der Türmerwohnung geboren. Er war der jüngste Sohn seines Vaters mit Philippina, geb. Laux. Der Vater starb 1903, die Mutter 1917. Danach übernahm Heinrich Hayn das Türmeramt.
Im Jahre 1946 hatte Heinrich Hayn zum dritten Mal geheiratet. Helene, geb. Müller, brachte zwei Töchter, Linda und Liselotte aus erster Ehe mit, die beide ebenfalls in der Turmwohnung lebten. Linda wohnte selbst nach ihrer Heirat mit Kurt Ebel im Jahre 1951 weiter auf dem Turm, da zu jener Zeit noch Wohnungsknappheit in Neustadt herrschte. Erst im Jahr 1959 zog die Familie Ebel hinunter in die Stadt. Die aus früherer Zeit stammenden Aufgaben fielen allmählich weg, bis am Ende lediglich die Kontrolle des Uhrwerks übrigblieb. So konnte Heinrich Hayn vermehrt Repräsentationsaufgaben wie Führungen durch die Türme übernehmen.
Neues Leben kam in den Turm, als im Jahre 1949 das neue Geläut von sieben Glocken aufgestellt wurde. Türmer Hayn übernahm die Aufgaben des Läutedienstes.
Nach Installation der neuen Glocken kamen häufig Besucher auf den Turm, die alle im Wohnzimmer untergebracht werden mussten, da der Turmumgang damals noch kein Geländer besaß.
Im Jahr 1966 wurde Heinrich Hayn anlässlich seines 75. Geburtstages die goldene Ehrennadel der Stadt Neustadt verliehen. Im März 1970 erkrankte Heinrich Hayn schwer und lag im Krankenhaus. Als er sein Ende kommen sah, bat er darum, in der Türmerwohnung sterben zu dürfen. Mit Hilfe von Sanitätern, der Feuerwehr und tatkräftiger Assistenz seiner Tochter Linda wurde der Todkranke in seine Wohnung gebracht. Vier Tage später, am 25. März 1970, starb Heinrich Hayn, der letzte Türmer der Stadt Neustadt, im Alter von 78 Jahren in seiner Turmwohnung. Seinem Wunsch entsprechend, läutete die Tochter Linda für ihn die Kaiserglocke und verkündigte damit der Stadt sein Ableben.
Helene, die Witwe von Heinrich Hayn, bewohnte zunächst die Wohnung weiter. Aus Altersgründen verließ sie den Turm 1979 und verstarb 1984 im Alter von 84 Jahren.