Bezirksregierung
„Die Bezirksregierung“ heißt in Neustadt erstens das Gebäude und zweitens eine Behörde. Diese wurde 1816 von Bayern in Speyer gegründet, um fast alle staatlichen Zuständigkeiten in der Pfalz zu bündeln. Sie wurde immer wieder verändert, der Name, das räumliche Gebiet, die Zuständigkeiten, die innere Organisation, das Personal.
1933 wurde am 10.3. der Vorsitzende der pfälzischen Nazi-Partei NSDAP, Gauleiter Josef Bürckel, zum Reichskommissar ernannt und erhielt damit staatliche Gewalt. Er setzte noch am selben Tag den Regierungspräsidenten Osthelder ab. Die Bezirksregierung in Speyer musste sich fortan den Wünschen der Gauleitung in Neustadt beugen.
1945 besetzen die Amerikaner die Pfalz, am 21.3. Neustadt, am 24.3. Speyer, das sie am 30.3. den Franzosen überließen. Die Franzosen behielten die Bezirksregierung in Speyer bei. Die Amerikaner wollten nach preußischem Vorbild ihr Gebiet in ein Oberregierungspräsidium mit mehreren Bezirksregierungen gliedern und ernannten zu diesem Zweck am 9.5.1945 ein sechsköpfiges Oberpräsidium in Neustadt unter Hermann Heimerich. Alle sechs hatten ihre Büros im Haus der Industrie (siehe Foto oben rechts), jeweils einen amerikanischen Offizier als „Verbindungsmann“ und wohnten zusammen in der Dienstwohnung des geflohenen Landrats Villenstraße 36. Oberregierungspräsident Hermann Heimerich ernannte mit Zustimmung der Amerikaner am 11. Juni fünf Regierungspräsidenten, in Neustadt Hoffmann, außerdem in Mainz, Saarbrücken, Trier und Koblenz. Als sich herumsprach, dass das ganze Gebiet bald den Franzosen übergeben würde, entließen die Amerikaner am 1. und 2. Juli die Regierung Heimerich und ernannten am 7. Juli Hans Hoffmann zum neuen Oberpräsidenten.
Zum 10. Juni 1945 wurde die Pfalz von den Franzosen besetzt. Sie fassten die Regierungen in Speyer und die beiden in Neustadt mit dem Sitz in Neustadt zusammen und ernannten am 1.10.1945 Otto Eichenlaub zum neuen „Oberregierungspräsidenten“ (ohne nachgeordnete Präsidenten!) und am 19.7.1947 den Nachfolger Franz Bögler (SPD). Er wurde 1949 vom rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Peter Altmeier (CDU) abberufen, behielt aber seinen Titel „Ober“ bei. Die folgenden Behördenleiter führten nur noch den einfacheren Titel „Präsident“, Franz Pfeiffer ab 1949 „Vize“, ab 1951 Präsident, Hans Keller ab 1966, Paul Schädler ab 1983 und Rainer Rund ab 1991. Die Büros befanden sich zuerst noch im Haus der Industrie, in etwa 20 Gebäuden in der Stadt und in Holzbaracken auf der Winzinger Festwiese, ein immer kleiner werdender Rest verblieb bis 1955 (Forstkasse) in Speyer.
Das neue Regierungsgebäude wurde 1954-1955 gebaut. Es nahm die meisten, aber nicht alle Dienststellen auf, z.B. nicht Außenstellen in der Friedrichstraße und Von-Hartmann-Straße. 1975 zählte die Behörde 650 Mitarbeiter in 6 „Abteilungen“: Zentrale, Polizei (4000 Polizisten), Schulen (12000 Lehrkräfte), Bau, Forst und Landwirtschaft.
Der Verfasser dieser Zeilen, Gerhard Wunder, arbeitete dort dreimal, 1960 als Referendar im Polizeireferat, 1965 als Assessor in der Kommunalaufsicht und 1974-1997 als Leiter eines Referats „Soziales“.
Von 1996 bis 2000 wurde die Bezirksregierung aufgelöst. Die Forstabteilung wurde in Neustadt (Le Quartier Hornbach 9) ein selbständiges Landesamt, die Polizei in zwei selbständige Präsidien in Ludwigshafen und Kaiserslautern aufgeteilt, die zwei Referate „Soziales“ in das Landauer Außenamt des Landesamtes für Soziales integriert, der Rest in die für ganz Rheinland-Pfalz zuständige neue „Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion“ in Trier (Kommunalaufsicht, Schulen) und die neue „Struktur- und Genehmigungsbehörde Süd“ in Neustadt (Bau und Umwelt) eingebracht. Von der „Bezirksregierung“ in Neustadt blieb nur der Name eines Gebäudes und einer früheren Behörde übrig.