Sanierte Stadt mit neun Weindörfern
Wohnungsnot und Schulplatzmangel
Nach dem Krieg war es wichtig, ein gutes Verhältnis zur Besatzungsmacht Frankreich aufzubauen. Vor allem aber galt es, die Wohnungsnot zu lindern sowie Unterkünfte für die vielen Heimatvertriebenen zu finden. Von 1946 bis 1975 entstanden vor allem im Osten der Stadt neue Wohngebiete. Auch Schulraum musste geschaffen werden: 1956 erfolgte die Grundsteinlegung für das Berufsschulgebäude. 1960 wurden die Hans-Geiger-Schule und 1965 die Eichendorff-Schule eingeweiht. Viele Neu- und Erweiterungsbauten waren erforderlich. 1972 feierte das Schulzentrum Böbig Richtfest.
Ausrangierte Lokalbahnen – ansteigender Kraftfahrzeugverkehr
1955 ersetzte man die Pfälzer Oberlandbahn, die „Schneck“, durch Busse. 1956 trat die Gäubahn, das „Pfefferminzbähnel“, nach 50 Jahren die letzte Fahrt an. Der motorisierte Verkehr nahm rasant zu – ab 1. Juli 1956 bekam Neustadt ein eigenes Kraftfahrzeug-Kennzeichen „NW“.
Verwaltungsreform und Sanierungsprojekte
Im Zuge der rheinland-pfälzischen Verwaltungsreform wurden 1969 und 1974 neun umliegende Weindörfer eingemeindet. Das Stadtgebiet vergrößerte sich fast um das Siebenfache, die Einwohnerzahl verdoppelte sich nahezu. Die Sanierung der Altstadt sollte modernen Wohnraum und eine attraktive Innenstadt schaffen. In den 1970er Jahren wurden unter anderem die Fußgängerzonen ausgebaut sowie das Warenhaus „Karstadt“ und der Klemmhofneubau errichtet. Der Großbrand im Saalbau 1980 erforderte dessen aufwändige Renovierung. 1999 wurden der umgestaltete Hetzelplatz und die „Hetzelgalerie“ als neuer Anziehungspunkt eingeweiht.
Freundschaft verbindet
1956 entstand mit der französischen Stadt Mâcon Neustadts erste Städtepartnerschaft, weitere Partnerstädte wie Lincoln (1970) oder Wernigerode (1989) folgten. Die seit 1945 in Neustadt stationierten französischen Streitkräfte wurden 1992 abgezogen – ein Abschied in freundschaftlicher Verbundenheit.
Bezirksregierung
„Die Bezirksregierung“ heißt in Neustadt erstens das Gebäude und zweitens eine Behörde. Diese wurde 1816 von Bayern in Speyer gegründet, um fast alle staatlichen Zuständigkeiten in der Pfalz zu bündeln. Sie wurde immer wieder verändert, der Name, das räumliche Gebiet, die Zuständigkeiten, die innere Organisation, das Personal.
1933 wurde am 10.3. der Vorsitzende der pfälzischen Nazi-Partei NSDAP, Gauleiter Josef Bürckel, zum Reichskommissar ernannt und erhielt damit staatliche Gewalt. Er setzte noch am selben Tag den Regierungspräsidenten Osthelder ab. Die Bezirksregierung in Speyer musste sich fortan den Wünschen der Gauleitung in Neustadt beugen.
1945 besetzen die Amerikaner die Pfalz, am 21.3. Neustadt, am 24.3. Speyer, das sie am 30.3. den Franzosen überließen. Die Franzosen behielten die Bezirksregierung in Speyer bei. Die Amerikaner wollten nach preußischem Vorbild ihr Gebiet in ein Oberregierungspräsidium mit mehreren Bezirksregierungen gliedern und ernannten zu diesem Zweck am 9.5.1945 ein sechsköpfiges Oberpräsidium in Neustadt unter Hermann Heimerich. Alle sechs hatten ihre Büros im Haus der Industrie (siehe Foto oben rechts), jeweils einen amerikanischen Offizier als „Verbindungsmann“ und wohnten zusammen in der Dienstwohnung des geflohenen Landrats Villenstraße 36. Oberregierungspräsident Hermann Heimerich ernannte mit Zustimmung der Amerikaner am 11. Juni fünf Regierungspräsidenten, in Neustadt Hoffmann, außerdem in Mainz, Saarbrücken, Trier und Koblenz. Als sich herumsprach, dass das ganze Gebiet bald den Franzosen übergeben würde, entließen die Amerikaner am 1. und 2. Juli die Regierung Heimerich und ernannten am 7. Juli Hans Hoffmann zum neuen Oberpräsidenten.
Zum 10. Juni 1945 wurde die Pfalz von den Franzosen besetzt. Sie fassten die Regierungen in Speyer und die beiden in Neustadt mit dem Sitz in Neustadt zusammen und ernannten am 1.10.1945 Otto Eichenlaub zum neuen „Oberregierungspräsidenten“ (ohne nachgeordnete Präsidenten!) und am 19.7.1947 den Nachfolger Franz Bögler (SPD). Er wurde 1949 vom rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Peter Altmeier (CDU) abberufen, behielt aber seinen Titel „Ober“ bei. Die folgenden Behördenleiter führten nur noch den einfacheren Titel „Präsident“, Franz Pfeiffer ab 1949 „Vize“, ab 1951 Präsident, Hans Keller ab 1966, Paul Schädler ab 1983 und Rainer Rund ab 1991. Die Büros befanden sich zuerst noch im Haus der Industrie, in etwa 20 Gebäuden in der Stadt und in Holzbaracken auf der Winzinger Festwiese, ein immer kleiner werdender Rest verblieb bis 1955 (Forstkasse) in Speyer.
Das neue Regierungsgebäude wurde 1954-1955 gebaut. Es nahm die meisten, aber nicht alle Dienststellen auf, z.B. nicht Außenstellen in der Friedrichstraße und Von-Hartmann-Straße. 1975 zählte die Behörde 650 Mitarbeiter in 6 „Abteilungen“: Zentrale, Polizei (4000 Polizisten), Schulen (12000 Lehrkräfte), Bau, Forst und Landwirtschaft.
Der Verfasser dieser Zeilen, Gerhard Wunder, arbeitete dort dreimal, 1960 als Referendar im Polizeireferat, 1965 als Assessor in der Kommunalaufsicht und 1974-1997 als Leiter eines Referats „Soziales“.
Von 1996 bis 2000 wurde die Bezirksregierung aufgelöst. Die Forstabteilung wurde in Neustadt (Le Quartier Hornbach 9) ein selbständiges Landesamt, die Polizei in zwei selbständige Präsidien in Ludwigshafen und Kaiserslautern aufgeteilt, die zwei Referate „Soziales“ in das Landauer Außenamt des Landesamtes für Soziales integriert, der Rest in die für ganz Rheinland-Pfalz zuständige neue „Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion“ in Trier (Kommunalaufsicht, Schulen) und die neue „Struktur- und Genehmigungsbehörde Süd“ in Neustadt (Bau und Umwelt) eingebracht. Von der „Bezirksregierung“ in Neustadt blieb nur der Name eines Gebäudes und einer früheren Behörde übrig.
Wiederbewaldung nach dem 2.Weltkrieg mit Hilfe von Kulturfrauen
Während früherer Kriegszeiten, insbesondere im 1. und 2. Weltkrieg wurde überall in Deutschlands Wäldern mehr Holz eingeschlagen als zuwachsen konnte. Damit wurde gegen das eiserne, forstliche Prinzip der Nachhaltigkeit verstoßen. Auch nach den Kriegen wurde zunächst diese Übernutzung fortgesetzt. Zum einen um die Bevölkerung mit dem lebensnotwendigen Bau- und Brennstoff Holz zu versorgen, andererseits in Form sog. Reparationshiebe. Die Besatzungsmächte (in der Pfalz die Franzosen) schlugen für ihre eigenen Bedürfnisse zusätzliches Holz ein. Allein am Neustadter Königsberg ist ein großer Franzosenhieb mit über 2.000 m³ Holzanfall dokumentiert. Dort entstanden dann über 40 ha Kahlfläche.
Ab ca. 1948 begann die Zeit der Wiederaufforstung, bis ca. Mitte der 1950er Jahre. Viele ehemaligen Soldaten waren noch in Kriegsgefangenschaft oder waren verwundet und gefallen. Darüber hinaus mussten ja auch die zerstörten Städte aufgebaut und die Wirtschaft wieder in Schwung gebracht werden. Wer sollte denn nun den darniederliegenden Wald wieder aufbauen?
Da kamen die sogenannten Kulturfrauen zum Einsatz. Bereits vor dem Krieg hatte man die meist ungelernten Waldarbeiterinnen für verschiedene „leichte“ Tätigkeit im Forst eingesetzt. Diesen meist als Saisonkräfte Beschäftigten ist es zu verdanken, dass innerhalb weniger Jahre zigtausende brachliegende Hektar Waldflächen aufgeforstet wurden. Die überwiegend im Akkord arbeitenden Kulturfrauen wurden sogar auf der 50-Pfennig-Münze geehrt.
Da nur wenig Pflanzgut verfügbar war, hat man für die Wiederbewaldung schnell wachsende und anspruchslose Nadelbaumarten gepflanzt: in der Pfalz auf dem nährstoffarmen Buntsandstein oft die Gemeine Waldkiefer in anderen Mittelgebirgen häufig die Fichte. Die jungen Bäumchen wurden meist in forsteigenen Kämpen, den Baumschulen, selbst gesät und großgezogen und nach ein bis drei Jahren in den Wald gepflanzt. Material aus Baumschulen war anfangs kaum verfügbar und recht teuer.
Die vielen Dutzenden Kulturfrauen wurden im Neustadter Stadtwald (im Übrigen der größte Kommunalwald in Rheinland-Pfalz) noch bis in die 1990er Jahre beschäftigt. Neben den Pflanzarbeiten waren die Kulturfrauen auch mit der Pflege junger Waldbestände beauftragt, wie Jungwuchspflege, Kulturpflege usw., meist mit manuellen Arbeitsgeräten.
Partnerstädte der Stadt Neustadt an der Weinstraße
Verständigung und Freundschaft zwischen Völkern wird in persönlichen Begegnungen konkret. Einen wichtigen Beitrag hierfür leisten die Städtepartnerschaften. Sie machen Europa und die Welt im Alltag der Menschen jeden Alters und aller Bevölkerungsgruppen erlebbar. Unsere Stadt pflegt sieben Städtepartnerschaften in Europa, Nordamerika und Asien.
Mâcon (Frankreich) - Partnerschaft seit 1956
Zwischen dem im Burgund gelegenen Mâcon und Neustadt an der Weinstraße besteht seit 1956 eine Städtepartnerschaft. Sie war die erste Partnerschaft Neustadts und zugleich die erste einer rheinland-pfälzischen Stadt mit einer französischen Gemeinde. Erst 11 Jahre zuvor war der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen, der in Frankreich und in Deutschland tiefe Wunden hinterlassen hatte. Der damalige Bürgermeister von Mâcon, Louis Escande, und auch der damalige Neustadter Oberbürgermeister Edwin Hartmann können als Väter dieser deutsch-französischen Städtepartnerschaft angesehen werden. Escande, setzte sich als ehemaliger Kämpfer des Widerstandes schon früh für die Versöhnung zwischen den beiden Völkern ein, und Hartmann gilt als Wegbereiter der deutsch-französischen Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Zum 10-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft wurde Neustadt an der Weinstraße für seinen Dienst für die Einigung und Verständigung Europas durch den Europarat in Straßburg die Europafahne verliehen.
Goya (Argentinien) - Freundschaft seit 1967
Die im Nordosten Argentiniens gelegene Stadt Goya ist ein regionales Industriezentrum, in dem vor allem Tabak angebaut wird. Zum Abschluss einer formalen Städtepartnerschaft ist es nicht gekommen.
Lincoln (Großbritannien) - Partnerschaft seit 1970
Die im Nordosten Englands gelegene Stadt Lincoln blickt auf eine über 2000-jährige Geschichte zurück. Ihre Kathedrale ist einer der monumentalsten mittelalterlichen Kirchenbauten Großbritanniens.
Musagne (Ruanda) – Partnerschaft 1984 bis 2001
1984 wurde mit der Gemeinde Musagne im Süden Ruandas eine Städtepartnerschaft begründet. Mit der 2001 durchgeführten Kommunalreform wurde Musagne mit der Gemeinde Kaduha in einen neuen Distrikt Kaduha zusammengeführt. Aufgrund der Auflösung der Gemeinde Musagne ist die Partnerschaft nicht mehr existent.
Wernigerode (Deutschland) - Partnerschaft seit 1989
Die Partnerschaft mit der Stadt Wernigerode in Sachsen-Anhalt wurde noch vor der Wende ins Leben gerufen. Der unter Denkmalschutz stehende historische Stadtkern mit seinen zahlreichen mittelalterlichen Fachwerkhäusern sowie das über der Stadt gelegene Schloss ziehen Besucher aus nah und fern in „die bunte Stadt im Harz“.
Manchester (USA) - Partnerschaft seit 1992
Die Partnerschaft mit Manchester, New Hampshire beruht im Wesentlichen auf den Kontakten zwischen dem Käthe-Kollwitz-Gymnasium und den dortigen Highschools, die schon seit 1984 bestehen.
Quanzhou (China) - Partnerschaft seit 1995
Die Partnerschaft mit Quanzhou geht zurück auf eine Partnerschaft des Landes Rheinland-Pfalz mit der chinesischen Provinz Fujian. Die Hafenstadt liegt im Südosten der Provinz, direkt gegenüber von Taiwan. Historische Stätten in Quanzhou wurden 2021 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt.
Mersin-Yenişehir (Türkei) - Partnerschaft seit 1998
Mersin liegt an der Mittelmeerküste im Südosten der Türkei gegenüber der Insel Zypern. Die Hafenstadt gliedert sich in drei große Stadtteile. Einer davon ist Yenişehir(der Name bedeutet Neustadt). Sowohl für den inländischen als auch ausländischen Markt werden um Mersin Zitrusfrüchte, Obst, Gemüse und Baumwolle angebaut.
Echt-Susteren (Niederlande) - Partnerschaft seit 2019
Die in der Provinz Limburg gelegene Gemeinde gliedert sich in 11 Bezirke. Der Tourismus spielt neben Landwirtschaft und Gewerbe „im schmalsten Stück der Niederlande“ eine wichtige Rolle. Nieuwstadt ist der südlichste Siedlungskern der Gemeinde. Der Ort erhielt im 13. Jahrhundert (1263) die Stadtrechte.
Mukatschewo (Ukraine) - Solidaritätspartnerschaft seit 2023
Mukatschewo liegt in der westukrainischen Oblast Transkarpatien am Rand der Waldkarpaten, nahe der Grenzen zu Polen, der Slowakei und Ungarn. Die Stadt ist Verwaltungs- und Industriezentrum.
Der Saalbau aus meiner Erinnerung
Mein Vater Hartmut Bulla und mein Onkel Horst Kühner waren die Haus- und Bühnenmeister im Saalbau. Mein Onkel bewohnte die Hausmeisterwohnung im Obergeschoß, mit Zugang zum Speicher, mit seiner Frau und den 3 Töchtern. Zudem waren beide Männer bei der Feuerwehr, im Löschzug 1.
Mein Vater wurde in der Nacht auf den 25. November 1980 zum Saalbaubrand über die damals noch übliche Alarmklingel in der Wohnung alarmiert. Unwissend, was passiert ist machte er sich auf den Weg zum Feuerwehrgerätehaus.
An der Einsatzstelle angekommen, beauftragte er ein junges Paar zu uns nachhause zu gehen und den Schlüssel für den Saalbau zu holen. Bei uns angekommen klingelten sie Sturm. Meine Mutter wurde wach und ging zum Fenster. Das junge Paar berichtete, was passiert ist. Natürlich wollte meine Mutter den Schlüssel nicht an fremde Leute aushändigen. Worauf sie mich weckte, mit den Worten: „bring Vater schnell den Saalbauschlüssel, es brennt.“ Ich zog mir schnell ein paar Kleider an und rannte los.
Schon am Marktplatz roch ich den Brand. Als ich am Kriegerdenkmal vorbei, Richtung Klemmhof rannte, sah ich schon den Feuerschein am Himmel. Als ich die Gabelsbergerstraße erreichte, bekam ich es schon mit der Angst zu tun.
Am Saalbau, Höhe Glasveranda angekommen, sah ich meiner Tante und Cousinen mit nichts als dem Nachthemd bekleidet auf der Straße stehen. Da fiel mir schon ein Stein vom Herzen, dass sie unbeschadet davongekommen sind. Nach einem kurzen Gespräch versuchte ich meinen Vater im Wirrwarr des Einsatzes zu finden. Nach der Übergabe des Schlüssels, ging ich zurück zu meiner Tante, wir nahmen uns in die Arme und weinten. Die Bilder dieser Nacht haben sich so eingeprägt, als wäre es gestern gewesen. Zu diesem Zeitpunkt war ich 14 Jahre alt.
Mein Vater arbeitete noch bis zu seiner Berentung im Neuen Saalbau und war somit 26 Jahre dort Hausmeister (1976-2007).
In der Zeit der Französischen Besatzung, wurde der Kellerbereich unter dem Schillersaal von den Franzosen als Nachtclub genutzt. Entsprechend waren auch Wandmalereien in den Kellerräumen vorhanden (Pin-Up Girls, Oben ohne und im Baströckchen). Im angrenzenden Bereich befand sich die Konditorei Michel.
US-Präsident Ronald Reagan auf dem Hambacher Schloss
Am 6. Mai 1985 kam der US-Präsident Ronald Reagan nach Neustadt, um auf dem Hambacher Schloss eine Rede an die Deutsche Jugend zu halten. Am Vortag hatten er und Helmut Kohl auf dem Soldatenfriedhof Kolmeshöhe bei Bitburg, auf dem auch einige junge SS-Soldaten begraben waren, als Zeichen der Versöhnung einen Kranz niedergelegt. In Amerika schon vorher und auch in Deutschland brach eine Welle der Entrüstung aus, die den Staatsbesuch insgesamt emotional erheblich belastete. Der Besuch in Neustadt sollte deshalb nach dem Willen von Helmut Kohl zu einem versöhnlichen Abschluss führen.
Und so kam es zum Glück auch. Der Wettergott zeigte sich von seiner besten Seite, als der Hubschrauber des Präsidenten auf dem Flugplatz in Lachen-Speyerdorf landete. Die Weinkehlchen begrüßten unter der Leitung von Peter Janssen das Präsidenten- und Kanzlerpaar mit dem Volkslied: „Am Brunnen vor dem Tore“, das auch in Amerika bekannt war. Ich sprach einige Worte zur Begrüßung. Danach trugen sich die Gäste ins goldene Buch der Stadt ein.
Im Auto von Bernhard Vogel folgten wir den Gästen durch die Weinberge nach Hambach. Unterwegs zeigten mehrere Menschen dem vorbeifahrenden Präsidenten aus Verachtung für ihn ihr entblößtes Hinterteil. Wie peinlich, wahrlich! In Hambach fuhren wir durch die Schlossgasse im Schritttempo. Wir hatten Blumenkästen mit blühenden Geranien an den Fensterbänken befestigt. Die Straße bot ein malerisch farbenfrohes Bild mit dem Schloss in der Höhe in Sichtweite über uns. An der Mohre-Jule bat Helmut Kohl kurz anzuhalten, damit der Präsident einen Blick in den idyllisch geschmückten Hof werfen konnte. Ich fragte mich, was der Präsident in diesem Moment wohl denken mochte. Ob er an seine Kindheit dachte und an eine Puppenstube?
Oben angekommen, empfingen ihn etwa 6.000 begeisterte, meistens junge Menschen. Nach der Begrüßung durch Bernhard Vogel und Helmut Kohl begann Ronald Reagan seine Rede mit dem Satz: „Wenn Sie uns hier begrüßen, ehren Sie damit 237 Millionen Amerikaner, die zu vertreten ich die Ehre habe. Ich möchte hinzufügen, das wohl mehr Amerikaner ihre Wurzeln in diesem Lande, in diesen Städten und in ihren Familien haben, als in irgendeinem anderen Ort oder Volk dieser Welt. An die deutsche Teilung erinnernd meinte er: „Nichts könnte unsere Herzen froher stimmen, als den Tag zu erleben, an dem es keine Mauer mehr geben wird, keine Waffen mehr, die Familien und Freunde voneinander trennen.“ Den Jugendlichen rief er zu: „Die Zukunft wartet auf Ihren schöpferischen Geist“. „Meine jungen Freunde, dies ist eine herrliche Zeit zu leben und frei zu sein. Denken Sie daran, dass in Ihren Herzen die Sterne Ihres Schicksals leuchten, (-) dass alles von Ihnen abhängt, (-) und vergessen Sie keinen Augenblick, dass, wie Schiller gesagt hat, wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten.“ Zum Abschied fügte er sichtlich gerührt auf Deutsch hinzu: „Mein Herz ist mit Ihnen! Gottes Segen!"
Der Goldschatz aus dem Kuby-Hof
Verborgen im "Kuby-Hof"
Im Zuge der Altstadtsanierung wurde von 1985 bis 1995 der unter Denkmalschutz stehende ehemalige Kuby´sche Hof (heute Steinhäuser Hof) in der Rathausstraße 6 aufwändig saniert. In dem Gebäudetrakt befand sich um 1604 auch das Gasthaus „Zum Löwen“. Am 8. März 1991 wurden dort bei der Erneuerung des Bodenbelages, unter einer Steinplatte verborgen, mehrere Goldmünzen entdeckt. Dieser außergewöhnliche Fund zählt zu den Prunkstücken des Stadtmuseums in der Villa Böhm und ist dort in der ständigen Schausammlung ausgestellt.
Die Auffindung des Münzschatzes
Bereits die Auffindung der Münzen im Jahr 1991 ist eine spannende Geschichte, wie der damalige Stadtbaudirektor Volker Münch im Rahmen der Jubiläumsausstellung 2025 berichtet:
Mein Amtszimmer im Rathaus war genau gegenüber dem „Kuby-Hof“. Eines Morgens kamen zwei Arbeiter zu mir. Sie hatten mehrere Goldmünzen in der Hand und sagten „wir haben was gefunden“. Ich ging mit ihnen rüber in den „Kuby-Hof“ und sie zeigten mir die Fundstelle unter einer Sandsteinplatte des alten Lehmbodenbelages, der gerade entfernt wurde. In der Rathausstraße stand ein großer Container voll mit Bauschutt.
Ich fragte: „Haben Sie da auch schon von dem Grund rein?“ Dann müssen wir den Container nochmal leer machen, es könnte sein, dass noch mehr Münzen unter dem Schutt sind.
Auf Veranlassung des bauleitenden Architekten Günter Helfrich wurde der gesamte Abraum aus dem Container geholt und Schaufel für Schaufel durchsiebt. In seinem Beisein konnten noch weitere Goldmünzen geborgen werden. Er nahm die Fundstücke direkt in Verwahrung und übergab sie der Stadt.
Der Fund ist der Ehrlichkeit dieser Bauhandwerker zu verdanken – sie hätten´s ja auch einstecken können, meint Volker Münch. Die beiden Arbeiter erhielten damals eine angemessene Belohnung seitens der Stadt.
19 Goldmünzen aus dem 16. und 17. Jahrhundert
Man fand insgesamt 19 Goldmünzen: drei Gulden der Stadt Metz (um 1550), ein Bamberger Gulden von 1507 und ein Gulden aus Jülich-Berg aus dem Jahr 1608 sowie 14 spanische Dublonen (Doppelescudos).
Die Doppelescudos wurden seit 1566 unter Philipp II. (1527-1598) in Spanien geprägt. Ein Großteil des Goldes, das dort zur Münzprägung verwendet wurde, stammte aus den spanischen Kolonien in der Neuen Welt, aus Mexico und Südamerika. Daher könnten die spanischen Münzen aus dem Gold der Inkas oder Azteken gefertigt sein.
Die Dublone wurde in Europa Anfang des 17. Jahrhunderts mit ca. 4 ½ Gulden bewertet. Der Lohn eines einfachen Söldners während des Dreißigjährigen Krieges betrug im Durchschnitt etwa 4 bis 6 Gulden pro Monat, demnach handelt es sich bei dem kleinen Münzschatz um ein eher bescheidenes Vermögen.
Der Münzhort – Geld versteckt vor 400 Jahren
Hortfunde sind Anhäufungen von Wertgegenständen, die an einem vermeintlich sicheren Ort versteckt wurden, in der Absicht diese später wieder zu bergen. Solche Depots hat man meist in Krisenzeiten angelegt. Wird ein solcher Hort in heutiger Zeit gefunden, war es dem Besitzer nicht mehr möglich, an seine Wertsachen zu gelangen.
Bei einem Münzhort gibt die jüngste Münze den frühesten Zeitpunkt an, an dem der Schatz verborgen worden sein kann. Unter den kaiserlichen Goldgulden ist das die Münze aus Jülich-Berg von 1608. Die 19 Goldmünzen aus dem „Kuby-Hof“ waren jedoch nicht prägefrisch, sondern aufgrund der starken Abnutzung bereits längere Zeit im Umlauf.
Bei den spanischen Prägungen lässt sich wegen des starken Abriebs nur ein Exemplar exakt bestimmen. Diese Münze ist unter Philipp III. (1598-1621) entstanden und trägt die Jahreszahl 1614. Da die Goldmünzen aus dem Königreich Spanien erst im Zuge des Dreißigjährigen Krieges ihren Weg nach Neustadt fanden, stellen diese die jüngsten Münzen aus dem Schatzfund dar.
Neustadt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648)
Im Dreißigjährigen Krieg geriet die Stadt Neustadt trotz Gegenwehr nacheinander in die Hände der Spanier (1622), der Schweden (1631), der Reichstruppen (1635) und der Franzosen (1639 und 1644). Die Neustadter Bürger wurden stark in Mitleidenschaft gezogen, es kam zu Plünderungen und Gewalt. Zusätzlich dezimierten Hungersnöte und die Pest die Bevölkerung.
IIm Winter 1631 rückten schwedische Truppen auf Neustadt vor, um die seit 1622 in der Stadt anwesenden Spanier zu vertreiben. Die Schweden siegten und die spanischen Besatzer mussten abziehen. Da es sich bei dem Münzschatz mehrheitlich um spanische Prägungen handelt, lässt sich vermuten, dass die Goldmünzen wohl zur Zeit der spanischen Besatzung versteckt wurden.
Wem gehörten einst die Goldmünzen?
Über den einstigen Besitzer der Münzen lässt sich nur spekulieren: Bereits ein halbes Jahr nach ihrer Auffindung 1991 wurden die Goldmünzen in der Schalterhalle der Stadtsparkasse der Öffentlichkeit vorgestellt.
Auf Anregung des damaligen Oberbürgermeister Dieter Ohnesorge riefen die Stadtsparkasse und der Förderverein des Museums einen Wettbewerb aus, sich eine spannende „Schatz-Geschichte“ auszudenken.
War es Kriegsbeute eines spanischen Söldners? Wurde der Münzhort beim Abzug der spanischen Truppen versteckt? Hatte ein Soldat, bevor er ins Gefecht zog, seinen Besitz in Sicherheit gebracht? Oder hatte vielleicht ein Bewohner oder eine Bewohnerin des „Kuby-Hofes“ die Münzen unter der Steinplatte verborgen? Auf jeden Fall war es dieser Person nicht mehr möglich, den Schatz zu bergen. Vielleicht war sie in den Kriegswirren umgekommen.
Ein Vorhang von Victor Vasarely ziert unseren Saalbau
Beim Wiederaufbau des am 28. November 1980 abgebrannten Saalbaus waren alle Vertreter der Saalbaukommission bemüht, sachlich und verantwortungsvoll in allen Einzelfragen um die jeweils beste Lösung zu ringen. Die Architekten mussten sich so ziemlich bei jedem Thema mit allen nur denkbaren Fragen und möglichen Folgen auseinandersetzen. Die eigentliche Bewährungsprobe bestand die Saalbaukommission bei der Innengestaltung der Räume. Wir berieten, wie wir den ebenerdig gestellten Saal von der Bühne abgrenzen sollten. Bei Tagungen wurde in der Regel lediglich der vordere Teil der Bühne für den Tisch der Veranstaltungsleitung genutzt. Die Bühne dahinter wirkte dann wie ein unangenehmes Loch.
Mit einem normalen Vorhang, wie er in Konzertsälen üblich war, konnte sich Professor Römer nicht anfreunden. Er dachte an einen Vorhang, der dem Raum einen angenehmen Abschluss gab. Man sollte nicht das Gefühl haben, in einem Konzert- oder Theatersaal zu sitzen. Vielleicht könnte man auch einen Teppich auf den eisernen Vorhang - die Trennmauer aus Metall - kleben. Soweit überzeugten uns seine Ausführung. Aber wer sollte ihn gestalten?
Ich hatte immer dafür geworben, die Spendengelder nicht einfach so in den Baukosten verschwinden zu lassen. Sie sollten möglichst für eine besondere künstlerische Gestaltung verwandt werden, aber wofür? Der Teppich auf dem eisernen Vorhang erschien uns auf Anhieb ein geeignetes Objekt dafür zu sein. In unserer nächsten Besprechung wurde von Hans Sommer der Name von Victor Vasarely genannt. Mir selbst war der Name bisher nicht begegnet. Wir besorgten uns Unterlagen von ihm und der kleine Saalbauausschuss zeigt sich offen für diese Idee.
Der aus Ungarn stammende Künstler lebte in Paris. Ich fuhr im Januar 1983 zu ihm hin, begleitet von einem Dolmetscher, um herauszufinden, ob er überhaupt Bereitschaft für die Übernahme dieser Aufgabe zeigte. Wir wurden von ihm und seiner Frau freundlich empfangen, beide wohl schon etwa 80 Jahre alt. Ich beschrieb ihm ausführlich die Situation, vergaß auch nicht das Hambacher Fest zu erwähnen.
Er zeigte schließlich Interesse an einem Auftrag und wollte sich über ein entsprechendes Motiv schon mal Gedanken machen. Am 1. März 1983 informierte ich den kleinen Saalbauausschuss über meinen Besuch, wies aber darauf hin, dass ich Alternativen zu Vaserely offenhalten wolle. Anfang September berieten wir in der Saalbaukommission über die Frage, wie der Bühnenabschluss erfolgen sollte. Sollte der eiserne Vorhang selbst künstlerisch ausgestaltet werden oder ein Textilvorhang zur Verbesserung der Saalakustik zum Einsatz kommen? In den folgenden Sitzung Ende September vermochten die inzwischen eingeholten Bilder von Bühnenvorhängen verschiedener Stadthallen nicht zu überzeugen. Wir einigten uns darauf, den eisernen Vorhang mit einem Gewebe zu bespannen, um die akustischen Probleme auszuräumen und darauf den Teppich zu kleben. Wir baten Christiane Maether und Georg Vorhauer aus Neustadt sowie Karl Unverzagt aus Grünstadt darum, eine Skizze ihrer Vorstellungen einzureichen. Zugegebenermaßen hatten es unsere regionalen Künstler sehr schwer, gegen den weltweit bekannten Franzosen zum Zuge zu kommen.
Ich fuhr mit Professor Römer und meinem Mitarbeiter Joseph Kaufmann zu Victor Vasarely, um Einzelheiten des Auftrags und der Art des Wandteppichs zu besprechen. Wir hatten ein vorzügliches Gespräch und auch schon in etwa ein Motiv angepeilt, das aber auf unsere Situation angepasst werden musste. Wir gaben aber zu verstehen, dass wir noch sein Museum Gordes in Aix-en-Provence aufsuchen wollten.
Am 1. Februar 1984 erhielten die drei regionalen Künstler Gelegenheit, vor der kleinen Saalbaukommission ihre Vorstellung von der Gestaltung des Vorhangs vorzutragen und durch Skizzen zu belegen. Am 7. Februar besuchten wir das Vasarely-Museum mit den politischen Spitzen des kleinen Saalbauausschusses. Wir fanden in dem Museum wirklich wunderschöne Gemälde und konnten uns schließlich auf zwei Motive verständigen. Neben dem später gewählten Kugel-Motiv gefiel uns ein ungewöhnlich farbenfrohes Bild. Wir befürchteten allerdings, dass dieses Motiv unseren Saal erschlagen könnte.
In der Ratssitzung vom 1. März 1984 wurden alle Entwürfe im Metropol-Kino gezeigt und von den Ratsmitgliedern eingehend aus verschiedenen Perspektiven besichtigt, von Frau Maether, 1 Entwurf von Herrn Vorhauer 2, von Herrn Unverzagt 3 und Vasarely hatte 13 Entwürfe vorgelegt. Bevor sich die Fraktionen zur Beratung zurückzogen, empfahl der Stadtrat, zwei Entwürfe von Vasarely besonders ins Auge zu fassen. Nach den Beratungen in der Fraktion stimmte der Stadtrat bei zwei Gegenstimmen für die besagten beiden Vorschläge von Vasarely.
Vasarely wurde beauftragt, auf Grundlage der beiden Motive zwei speziell auf den Saalbau zugeschnittene Entwürfe zu fertigen, von denen der Stadtrat dann einen auswählen wollte. Das Honorar wurde auf 10.000 DM festgesetzt. Die endgültige Entscheidung fiel sodann am 30. Mai 1984. Herr Vasarely Junior war zu dieser Sitzung eingereist, um am Vormittag im Saalbau die Räte in ihrer Entscheidung zu beraten. Am günstigsten sei das Kugel-Motiv, weil es sich hierbei um ein äußerst ruhiges Modell handele. Durch die sehr bewegliche Tonnendecke wäre beim anderen Entwurf der Saal womöglich zu überladen gewesen. Ich erwähnte noch, dass Victor Vasarely von Beginn an das Kugel-Motiv favorisiert habe. In der darauffolgenden Sitzung des Hauptausschusses am 14. Juni1984 wurden sodann die Aufträge an Vasarely und für den Webauftrag an die Firma Ewald Kröner aus Düsseldorf vergeben, die auf solche Aufgaben spezialisiert war. Seine Teppiche werden gestickt und wirken so wie „aus einem Guss“. Die Gesamtkosten für den Vorhang beliefen sich auf 336.000 DM.
Am 15. Mai 1984 hatte ich mich zu einem Gespräch mit Herrn Dieter Schaub, dem Chef des Rheinpfalz-Verlages in Ludwigshafen angemeldet. Ich wollte ihn für eine neue Idee begeistern. Mir schwebte vor, in Neustadt ein Gesprächsforum zu gründen mit der Zielsetzung, in unregelmäßigen Abständen bekannte Politiker, Prominente aus der Wirtschaft und sonstige Experten zu interessanten Themen einzuladen. Nach meinem einführenden kleinen Vortrag dachte ich, dass wir darüber sprechen könnten. Aber es gab von ihm überhaupt keine Reaktion. Stattdessen erklärt er mir kurz und knapp, dass er der Stadt den Vasarely-Vorhang schenken wolle. Ich war sprachlos. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Beglückt fuhr ich nach Hause und telefonierte sobald als möglich mit Lutz Frisch. Er zeigte sich ebenso überrascht. In seiner ersten Reaktion meinte er: Den Vorschlag können wir nicht annehmen. Wir haben so hart darum gekämpft. Aber natürlich freute auch er sich über dieses kostbare Geschenk an die Stadt. Der Vorhang konnte noch rechtzeitig vor der Einweihung auf der eisernen Trennmauer aufgeklebt werden.
Die „Op–Art“, eine Kunstrichtung, die in den 50er und 60er Jahren im Zenit stand, macht sich die selbstständige Aktivität des menschlichen Auges zunutze und reizt und täuscht es durch Wechselwirkungen: Der Vorder- rückt in den Hintergrund und der Hintergrund rückt in den Vordergrund. Auf den Op-Art Bildern entsteht ein ständiger Wechsel zwischen Traum und Wirklichkeit.
Vasarely entwickelte eine formale Bildsprache. Kunst für jeden nachvollziehbar, Kunst als Bestandteil des täglichen Lebens – Ziele von Victor Vasarely, die, nimmt man seinen Erfolg als Gradmesser, weltweit aufgegangen sind. Das Motiv des Saalbau-Vorhangs ist eine Fortentwicklung des Sir-Ris-Themas. Die ursprünglichen schwarz-weißen Variationen wurden später farblich ausgereizt.
Der Raumabschluss von Victor Vasarely wirkt auf mich geradezu magisch. Ich sah und sehe auch heute noch in ihm das Symbol unserer Weltkugel, die mich daran erinnert, dass nach Paul Münch die Weltachse in Neustadt gedreht wird.
In meiner Eröffnungsrede erinnerte ich noch einmal an die Brandnacht. „Damals in jener düsteren Novembernacht, glaubte wohl keiner, dass wir innerhalb von vier Jahren den wiederaufgebauten Saalbau einweihen könnten“. Besonders hob ich die Spende des Vasarely Teppichs von Herrn Dieter Schaub hervor. „Sie verehren die Kunst von Vasarely und waren hocherfreut, dass die Stadt an die Innengestaltung des Saalbaus derart auserlesene künstlerische Ansprüche stellte".
Ich prognostizierte, in Zukunft würden auswärtige Gäste u.a. auch deshalb nach Neustadt pilgern, um den Vasarely-Teppich zu bewundern. Diese Prognose erfüllte sich aber leider nicht, bisher jedenfalls. Vor den Veranstaltungen ist der Vasarely-Vorhang leider nicht zu sehen. Man bekommt den Vorhang nur selten zu Gesicht. Eigentlich schade! Ich finde, man sollte seine Kunstschätze, deren man sich rühmen darf, schon auch in der Öffentlichkeit zeigen.
Die Türmer der Stadt Neustadt
Türmer in alter Zeit
Neustadt war ehemals eine gut befestigte Stadt mit einer kompletten Stadtmauer, die tags und nachts bewacht werden musste. Schon im frühen Mittelalter besetzte man Kirchtürme wegen der sehr weit reichenden Rundumsicht gerne mit zusätzlichem Wachpersonal.
Berichte aus alten Ratsprotokollen und sonstigen Schriften berichten über eine ganze Reihe von frühen Türmern. Den Türmern war vom Kurfürsten das Recht verliehen worden, als einzige im Oberamt Neustadt öffentlich zur Musik aufzuspielen. Die Türmer spielten, teilweise zusammen mit ihren Gesellen, entweder selbst oder versteigerten das Recht, Musik zu spielen, an andere.
Die Stadttürmer hatten die Aufgabe, vor anrückenden feindlichen Truppen zu warnen. Außerdem mussten sie bei einem Brand die Bewohner alarmieren. Dieser Wachdienst war dem Stadtrat so wichtig, dass er den Türmern zunächst einen Aufenthaltsraum mit Auslug in der Spitze des Südturms einrichten ließ, der später zu einer Art Wohnanbau erweitert wurde. In die Türmerzeit von Balthasar Noldau fällt der Umbau des Wohnanbaus auf dem Südturm in das heute noch vorhandene Häuschen.
Die Türmerfamilie Hayn
Bald nachdem das endgültige Turmhaus errichtet war (1739), versah in ununterbrochener Reihenfolge für 226 Jahre die Familie Hayn den Türmerdienst, beginnend mit Johann Georg Joseph Hayn (I) (1755-1811). Ihm folgten Türmer und Türmerinnen: Johann Nikolaus Hayn (1783-ca. 1790), Johann Georg Joseph Hayn (II) (1811-1829), Barbara, Witwe von Joseph Hayn (II) (1829-1848), Johann Georg Joseph Hayn (1848-1877), Franz Xaver Hayn (1877-1903), Philippina, Witwe von Franz Hayn (1903-1917) und schließlich Heinrich Franz Hayn (1917-1970).
Heinrich Hayn, der letzte Türmer von Neustadt
Heinrich Hayn wurde am 18. September 1891 in der Türmerwohnung geboren. Er war der jüngste Sohn seines Vaters mit Philippina, geb. Laux. Der Vater starb 1903, die Mutter 1917. Danach übernahm Heinrich Hayn das Türmeramt.
Im Jahre 1946 hatte Heinrich Hayn zum dritten Mal geheiratet. Helene, geb. Müller, brachte zwei Töchter, Linda und Liselotte aus erster Ehe mit, die beide ebenfalls in der Turmwohnung lebten. Linda wohnte selbst nach ihrer Heirat mit Kurt Ebel im Jahre 1951 weiter auf dem Turm, da zu jener Zeit noch Wohnungsknappheit in Neustadt herrschte. Erst im Jahr 1959 zog die Familie Ebel hinunter in die Stadt. Die aus früherer Zeit stammenden Aufgaben fielen allmählich weg, bis am Ende lediglich die Kontrolle des Uhrwerks übrigblieb. So konnte Heinrich Hayn vermehrt Repräsentationsaufgaben wie Führungen durch die Türme übernehmen.
Neues Leben kam in den Turm, als im Jahre 1949 das neue Geläut von sieben Glocken aufgestellt wurde. Türmer Hayn übernahm die Aufgaben des Läutedienstes.
Nach Installation der neuen Glocken kamen häufig Besucher auf den Turm, die alle im Wohnzimmer untergebracht werden mussten, da der Turmumgang damals noch kein Geländer besaß.
Im Jahr 1966 wurde Heinrich Hayn anlässlich seines 75. Geburtstages die goldene Ehrennadel der Stadt Neustadt verliehen. Im März 1970 erkrankte Heinrich Hayn schwer und lag im Krankenhaus. Als er sein Ende kommen sah, bat er darum, in der Türmerwohnung sterben zu dürfen. Mit Hilfe von Sanitätern, der Feuerwehr und tatkräftiger Assistenz seiner Tochter Linda wurde der Todkranke in seine Wohnung gebracht. Vier Tage später, am 25. März 1970, starb Heinrich Hayn, der letzte Türmer der Stadt Neustadt, im Alter von 78 Jahren in seiner Turmwohnung. Seinem Wunsch entsprechend, läutete die Tochter Linda für ihn die Kaiserglocke und verkündigte damit der Stadt sein Ableben.
Helene, die Witwe von Heinrich Hayn, bewohnte zunächst die Wohnung weiter. Aus Altersgründen verließ sie den Turm 1979 und verstarb 1984 im Alter von 84 Jahren.