Von der "Obst- und Weinbauschule" zum Forschungszentrum DLR Rheinpfalz

Der Geist der Gründerzeit erfasste in Neustadt auch die dominierenden Landwirtschaftszweige Weinbau und Obstbau. (Durch neue Erkenntnisse in Biologie und Chemie, durch neue Schaderreger und eine wachsende Bevölkerung in Deutschland motiviert, war es naheliegend durch Forschung und Bildung den wichtigen Sonderkulturen neue Impulse zu geben.) Der Neustadter Stadtrat beschloss daher (auf Initiative von Bürgermeister Exter) 1886 die Gründung einer Wein- und Obstbauschule, die 1899 zunächst Räume im heutigen Leibniz Gymnasium bezog. Wenige Jahre später wechselte man in das ehemalige Weingut Maucher, ein von Architekt Ludwig Levy geplanter Bau am Eingang zur Maximilianstraße.

Die nun Königliche Wein- und Obstbauschule mit dem Schweizer Direktor Zschocke zog rasch viele Schüler entlang der Haardt an, die sich in Winterkursen über modernste Methoden des Weinbaus und der Kellerwirtschaft unterrichten ließen. Gleichzeitig konnten aus eigenen Versuchstätigkeiten Impulse für höhere Erträge in Obst- und Weinbau gegeben werden. (Die Ernten wurden sicherer, die Ernährungssituation allgemein stabiler.) Zwischen den beiden Weltkriegen war die Ausbreitung der Reblaus die zentrale Herausforderung. Die clevere Methode der Pfropfung verhalf den hier gezüchteten Rebsorten und -klonen zu einer raschen Verbreitung.

Ab den 1950er erlebte die Forschung einen rasanten Aufschwung, insbesondere auf den Gebieten der Önologie und des Pflanzenschutzes. Das Bildungsangebot wurde breiter, mit einer modernen Betriebswirtschaftslehre steigerte man die unternehmerische Kompetenz der künftigen Betriebsleiter.

Als Ende der 1960er die Stadt Neustadt das Versuchsgelände im Rosengarten zur Errichtung eines Wohnstiftes erwarb, fand sich Ersatz in Mußbach. Das Land bekam von Familie Satorius den Herrenhof, sodass östlich des Ortsteils ein modernes Lehr- und Forschungsgebäude errichtet werden konnte. Ende 1983 war der Umzug abgeschlossen und der Start für eine neue Epoche gegeben. Deutschlandweit einmalig ist die dann erfolgte Eingliederung der landwirtschaftlichen Berufsschulen in eine Forschungsanstalt, ebenso die bis heute andauernden Schüleraustausche mit Macon-Davayé in Frankreich und Krems in Österreich.

Die Verschmelzung der Einrichtung mit dem für Flurbereinigungsverfahren zuständigen Kulturamt war eine der letzten Organisationsveränderungen, die auch wieder mit einer Namensänderung verbunden war. Aus der ehemals „Königlichen“ wurde das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz. Das hohe Niveau der Forschung weckte das Interesse der Hochschulen Ludwigshafen, Kaiserslautern und Bingen für einen gemeinsamen Dualen Bachelor Studiengang Weinbau und Oenologie Rheinland-Pfalz. Seit 2009 erwerben Studierende am Weincampus Neustadt Fähigkeiten zur Leitung von Unternehmen oder Mitarbeit in der Wissenschaft. Zwei englischsprachige Master Studiengänge sind dazugekommen, einer davon in Verbindung mit der Université Haute Alsace, Colmar.