Arbeiterbewegung in Neustadt
Beim Hambacher Fest 1832 spielten zwei Persönlichkeiten der späteren Arbeiterbewegung eine wichtige Rolle. Johann Philipp Becker (1809-1886) aus Frankenthal gilt als einer der Väter des Sozialismus, der später mit Karl Marx, Friedrich Engels verbunden war. Der aus Neustadt-Winzingen stammende evangelische Pfarrer Johann Heinrich Hochdörfer (1799-1851) setzte sich für die Rechte der verarmten Bevölkerung ein. Aus dem kirchlichen Dienst entlassen forderte er 1840 forderte in einem Buch u.a. Freiheitsrechte, ein Arbeitsrecht, die Beschränkung der Arbeitszeit, staatliche Mindestlöhne und die Verstaatlichung von Produktion und Handel.
Die Neustadter Ereignisse während der Revolution 1848-1849 kommentierte Friedrich Engels, dass hier statt „schwerfälliger, pedantischer altbayrischer Bierseelen“ nun „fidele pfälzische Schoppenstecher“ regieren würden.
Am 14. Juni 1848 wurde in Neustadt der erste Arbeiterverein der Pfalz ins Leben gerufen. Ihm stand der Uhrmacher Joseph Valentin Weber (1815-1895) vor, der im Frühjahr 1849 mit Heinrich Loose die Arbeiter-Zeitung „Der Pfälzer Volksmann“ herausgab. Darin wurden eine „demokratisch-soziale Republik“ gefordert und die Leserschaft als „Social-Demokraten“ angesprochen, einem der ältesten Belege für diesen Begriff überhaupt. Der Neustadter Arbeiterverein von 1848 schloss sich mit 598 Mitgliedern der „Allgemeine Deutsche Arbeiter-Verbrüderung“ an und bildete zusätzlich einen Arbeiter-Gesangs- und einen Bildungsverein. Weber floh am Ende der Revolution 1849 nach England.
In Deutschland formierte sich 1863 der Allgemeine Deutsche Arbeiter-Verein um Ferdinand Lassalle. Der besuchte 1864 Neustadt und ernannte Webers Sohn Wilhelm zum Vorsitzenden einer Ortsgruppe. Auch ein Bildungsverein für Arbeiter entstand, doch lösten sich beide wieder auf. Nach der Gründung der Socialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) unter August Bebel in Eisenach 1869 gab es einen Richtungsstreit zwischen Anhängern Lassalles und den „Eisenachern“. Der eskalierte 1873 auch bei einer Arbeiterversammlung in Neustadt. Im selben Jahr kandidierte erstmals ein Vertreter eines „Arbeitervereins“ bei der Neustadter Gemeindewahl. 1874 entstand die erste Gewerkschaft in Neustadt (Schumacher).
1875 durften „politische Vereine“ von Behörden überwacht werden. Laut Überwachungsakten gab es Ende Januar 1875 zwei Arbeiterversammlungen. Diese führten zur Gründung eines Ortsvereins Neustadt der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) am Sonntag, den 14. Februar 1875 in der Gaststätte „Zum Rathaus“ (Rathausstraße 11). Dessen Mitglieder waren Arbeiter in Fabriken und in der Landwirtschaft, die meist nicht aus Neustadt stammten, mit einer Sechs-Tagewoche, bis zu 14 Stunden Arbeit täglich, ohne bezahlten Urlaub. Der Lohn lag unter dem Existenzminimum, sodass Frauen und Kinder mitarbeiten mussten. Im damals komplizierten Wahlrecht durften viele der Wanderarbeiter nicht an Wahlen teilnehmen. Frauen erhielten das passive und aktive Wahlrecht erst 1919. Der großen Armut unter der Arbeiterschaft stand der seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Neustadt offen zur Schau getragene Wohlstand gegenüber. Symbole dieses Wohlstandes sind die prunkvollen Villen in der Maximilian- und in der Villenstraße.