Fachwerkbau in Neustadt
Die Stadt Neustadt ist in der besonderen Lage über einen Bestand an Fachwerkhäusern zu verfügen, der – trotz massiver Eingriffe im Rahmen der Altstadtsanierung in den frühen 1970er Jahren – teilweise als landesweit einzigartig einzustufen ist. Dabei geht es nicht um die Anzahl der Häuser, sondern um deren Außergewöhnlichkeit. Denn mit 10 Fachwerkhäusern, die zumindest im Kern ins 14. Jahrhundert zurückgehen, kann keine Stadt konkurrieren. Dazu kommen noch mehr Vertreter des 15. Jahrhunderts. Nur hier lässt sich daher die Entwicklung des hiesigen Fachwerkbaus wie unter einer Lupe nachvollziehen.
Das älteste teilweise erhaltene Haus (Hauptstraße 51, rechter Hausteil) stammt von 1337. Kennzeichnend für diese frühen Bauten sind die meist hohen Erdgeschosse aus Stein oder Holz, die bis etwa 4 m hoch waren. Hier gab es vor allem Werkstätten oder Lagerräume, gewohnt wurde im 1. Obergeschoss. Bei Häusern mit zwei Obergeschossen können wir oft Lagerflächen im 2. Obergeschoss vermuten. Die Dächer waren in der Pfalz als reine Sparrendächer abgezimmert. Neben schmalen Häusern wie Hauptstraße 51 gab es aber auch bedeutend größere Vertreter, wie das Haus Hintergasse 12 von 1376 beweist (heute verputzt).
Während diese frühen Häuser aus sehr langen Hölzern gebaut wurden, die teilweise bis dicht unter den Dachfirst reichten und „in einem Stück“ errichtet waren (sogenannte Firstgerüste), wurden ab dem mittleren 15. Jahrhundert die Häuser anders konstruiert. Jetzt wurden die Stockwerke einzeln errichtet und sozusagen wie Kartons aufeinandergestapelt. Weil sie somit bis zur Traufe reichten und auch das Dach ein eigener „Karton“ war, nennt man sie Traufgerüste.
Ein bemerkenswertes Beispiel ist das Haus Hintergasse 19 von 1452. Es veranschaulicht sehr gut, wie man sich das Stadtbild seinerzeit vorstellen muss. In der damals Lauergasse genannten Straße, die ihren Namen nach dem Gewerbe der Gerber oder Lauer trug, floss ein offener Kanal unmittelbar vor dem Haus vorbei. Daher besitzt es zwei auffällige Besonderheiten: Zum einen Hochkeller aus Stein – Holz wäre beim Kontakt mit dem sehr feuchten Boden gleich verrottet. Zum Zweiten zeigt eine ehemalige Türöffnung in der Straßenfassade(!) im 1. Obergeschoss an der Ecke, dass sich hier ein Aborterker befunden haben muss. So konnten die Hausbewohner ihre Notdurft verrichten und die wurde vom Wasser des Kanals gleich weggespült.
Im mittleren 16. Jahrhundert setzt schlagartig ein ganz neues Fassadenbild ein: Die Konstruktionshölzer werden regelmäßig geschmückt, es kommen sogar reine Zierhölzer zur Verwendung. Zusätzlich werden die Häuser farbig gestrichen. Rot ist hier der Favorit und bleibt es über viele Jahrhunderte hinweg. Um 1600 kommt noch gelb zur Farbpalette hinzu, blaugrau ist vor allem im 17. und 18. Jahrhundert die Modefarbe schlechthin. In Neustadt sind einzelne Häuser wieder so gestrichen, wie sie früher aussahen (zum Beispiel Rathausstraße 6, Rathausstraße 48, Marktplatz 11).
Zu den aufwendigsten Fassaden gehört zweifellos die Fassade zur Kirche des Hauses Marktplatz 4, das auch als „Scheffelhaus“ bekannt ist. Hier lässt sich das Formenschatz des Zierrates wie in einem Musterbuch studieren.
Etwa ab 1700 verschwindet das Fachwerk unter Putz oder man baut gleich aus Stein. Diese Entwicklung führt zur vielleicht größten Veränderung im Bild unserer Städte.