Neustadt öffnet den Bauern die Tore
Neustadter treulose Feiglinge? – Von wegen!
Am Samstag vor dem Sonntag Jubilate des Jahres 1525 erschien am Nachmittag gegen 3 Uhr vor den Toren der kurpfälzischen Oberamtsstadt Neustadt eine wohl über 3.000 Mann zählende Streitmacht und begehrte unter „vilen Dreworten“ Einlass.
Es waren dies die aufrührerischen Bauern vom Oberland um Landau. Sie hatten sich am 23. April bei der Nussdorfer Kerwe erstmals zusammengerottet, waren aber dann auf Zureden des Fauts von Germersheim, Jakob von Fleckenstein, wieder in ihre Dörfer zurückgekehrt. Doch der Friede währte nur kurz, denn nicht nur in der Pfalz, sondern auch rechts des Rheins und im Elsass waren die Bauern „aufrührisch worden“. In den ersten Maitagen erhoben sich die Bewohner in den Dörfern beiderseits des Queichtals erneut und versammelten sich bei Geilweiler Hof des Klosters Eußerthal zwischen Siebeldingen und Frankweiler. In den nächsten Tagen suchten sie die Burgen und festen Häuser des Adels heim und setzten das Zisterzienserinnenkloster Heilsbruck bei Edenkoben in Brand.
Nun also stand dieser gewalttätige Geilweiler Haufen vor Neustadt und machte deren Vertreter unmissverständlich klar, blieben ihm die Tore verschlossen, dann werde er sie mit Gewalt öffnen. Darauf vergaß „die kleinmutig Burgerschaft irer Glubd und Ayd“ gegenüber ihrem Landesherrn Kurfürst Ludwig V. und übergab die Stadt „uff blose Schreckensworten den Bauern am "volgenden Sontag Jubilate“, dem 7. Mai, um 12 Uhr.
Was hier Peter Harer in seinem Werk „Wahrhafte und gründliche Beschreibung des Bauernkriegs“ der Neustadter Bürgerschaft vorwirft, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als üble Nachrede: Eigentlich müsste dem kurpfälzischen Kammersekretär bekannt gewesen sein, dass eine im Sturm eroberte Stadt geplündert werden durfte. Das war Kriegsrecht. Neustadt hatte zwar eine beeindruckende Befestigung, allein es stellte sich dem Stadtrat vor seiner Unterhandlung mit den Bauern die Frage, ob diese auch wirksam verteidigt werden konnte. Offensichtlich kam er zu dem Schluss, das sei gegen das Bauernheer nicht möglich, denn vom Landesherrn konnte man keine Hilfe erwarten, und ob sich alle Bürger überhaupt bereitfanden, ihre Stadt gegen die Bauern zu verteidigen, war eher zweifelhaft. Es sympathisierten nämlich Teile der Bürgerschaft mit den Bauern und ihren Zielen. Dies war anscheinend vor allem in der Vorstadt der Fall, wo Handwerker und kleine Gewerbetreibende wohnten. Sie sollen, wie der Stadtrat später behauptete, den Bauern die Tore geöffnet haben.
Nach dieser Ehrenrettung zurück zu dem Geschehen vor Ort. Wie aus Dürkheim überliefert, wurde die Gemeinde, die Männer mit Bürgerrecht, durch die Glocke auf dem Markt zusammengerufen. Dort hatten sie sich durch einen Schwur mit den Bauern zu verbrüdern und zur Mehrung des Haufens aus ihren Reihen ein Aufgebot zu stellen. Auch wurden ihnen „Briefe“ des Inhalts verlesen, man wolle keine "beschwerden" mehr leisten, darüber hinaus aber erreichen, dass "die bauwren gueter alle zinsfrey weren vnd anderer freiheit machen, den bawern zu guettem". Von den Zielen der Bauern nahm die Öffentlichkeit aber vor allem zur Kenntnis, sie "wollen die pfaffen straffen", das heißt, das von den Stiften und Klöstern angeblich zu Unrecht erworbene Gut den eigentlichen Besitzern zurückgeben.