Liebfrauenstift

Gegründet wurde das Liebfrauenstift am 12. August 1356 durch Pfalzgraf Ruprecht I., der damit einem Wunsch seines verstorbenen Bruders Rudolf II. nachkam. Ein Grund für die Errichtung des Kollegiatstifts war seine Bestimmung als Grablege der Wittelsbacher. Es fanden dann fünf Mitglieder der kurfürstlichen Familie hier ihre letzte Ruhestätte. Dazu gehörte Ruprecht I., der Gründer der Heidelberger Universität.

Zwölf Stiftsherren bildeten das Stiftskapitel, das von einem Dekan geleitet wurde. Als Weltgeistliche lebten sie nicht in einem geschlossenen Stiftsbezirk, sondern in ihren eigenen Stiftshäusern in der Stadt. In der Stiftskirche kamen die Stiftsherren regelmäßig zum Gebet und zur Feier der Liturgie zusammen. Stiftsvikare wirkten als Vertreter der Kanoniker. Der Vikar des Kreuzaltars war zudem als Stadtpfarrer mit der Pfarrseelsorge in der Stadt betraut.

Nach der Gründung des Liebfrauenstifts wurde mit dem Neubau der an seiner Stelle bestehenden alten Kirche begonnen. Die gotische Pfarr- und Stiftskirche entstand zwischen den 1360er und 1480er Jahren. Sie gilt als das bedeutendste gotische Bauwerk in der Vorderpfalz. Der Bau prägt mit seiner zentralen Lage am Marktplatz und den beiden Türmen das Stadtbild. In der Simultankirche sind seit 1707 das der evangelischen Gemeinde zugesprochene Langhaus und der von der katholischen Gemeinde genutzte Chor durch eine Mauer getrennt.

Kurfürst Ruprecht I. hatte dem Liebfrauenstift in den Jahren 1379 und 1383 einen bedeutenden Reliquienschatz geschenkt. In der Schenkungsurkunde vom 2. Februar 1383 sind die übereigneten Reliquien aufgeführt. Darunter befand sich etwa ein Barthaar Jesu Christi, ein Stück des Schleiers der Mutter Gottes und ein Teil des Arms des heiligen Märtyrers Sebastian. Die Reliquien waren an einem sicheren Ort des Stifts eingeschlossen. Von den sechs Schlüsseln hatten die Kleriker drei. Die anderen drei besaßen der Schultheiß und die beiden Bürgermeister.

Am 28. Juni 1382 legte der Kanoniker Johannes Metzger („Carnificis“) das Seelbuch des Liebfrauenstifts an. In diesem Buch wurden Einkünfte erfasst, die dem Stift in Form von Geld oder Naturalien zustanden. Sie gingen zurück auf Stiftungen für das liturgische Gedenken Verstorbener. In diesen Stiftungen sind neben den Namen der Verstorbenen und ihrer Angehörigen häufig auch Angaben zu Grundstücken, etwa deren Lage und Angrenzer, festgehalten. Durch diese Vielzahl von Informationen ist das Seelbuch, in dem letztmals im Jahr 1583 ein Eintrag – die Ablösung einer Stiftung – erfolgte, eine sehr ergiebige Quelle für die Geschichte der Stadt vor allem im 14. und 15. Jahrhundert.