Kunigunde Barbara Kirchner
Die Geschichte der Kurpfälzerin Kunigunde Barbara Kirchner ist einfach zu schön, um gänzlich wahr zu sein. Aus Liebe zu ihr soll der französische Kriegskommissar Johann Peter de Werth im Jahr 1689, also während des Pfälzischen Erbfolgekrieges, Neustadt vor der Zerstörung bewahrt haben. Wahr ist: Kunigunde hat tatsächlich gelebt.
Heute ist die Tochter des Heidelberger Archivars und Hofgerichtsrats Theobald Paul Kirchner und seiner Frau Katharina populärer denn je. Anlässlich des 350. Geburtstages wurde ein abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm zusammengestellt, mit dem die Stadt ihre legendäre Retterin ehrt.
Geburt und Taufe
Kunigunde Kirchner wurde nachweislich am 06.Oktober 1671 in Heidelberg getauft und eventuell ist dieser Tag auch Kunigundes Geburtstag. Sie ist die Tochter des Theobald Paul Kirchner und dessen zweiter Frau Katharina, geborene Zinkgräf. Die Eltern waren protestantisch. Als Lizentitat beider Rechte übte der Vater in Neustadt Tätigkeiten als Archivar, Hofgerichtsrat und Lehenprobst aus. Er starb vor 1682. Kunigunde und ihre Mutter wohnten weiterhin in Neustadt.
Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688-1697)
Als Vorwand für den Krieg dienten Ansprüche auf das Erbe des Kurfürsten Karl II. von der Pfalz, die Ludwig XIV. im Namen seiner Schwägerin, Elisabeth Charlotte von der Pfalz, geltend machte. Französische Truppen fielen 1688 in das linksrheinische Gebiet ein. Durch die Gegenwehr des Reiches war kein schneller Sieg zu erwarten. Beim Rückzug ließ Ludwig XIV. auf Anraten seines Kriegsministers Louvois die Pfalz und die angrenzenden Gebiete systematisch verwüsten ("Brulez la Palatinat!"). Liselotte von der Pfalz heiratete den Bruder Ludwig XIV. im November 1671. Kunigunde Kirchner wurde einen Monat zuvor in Heidelberg geboren.
Neustadt im Pfälzischen Erbfolgekrieg
Dass Neustadt in diesem verheerenden Krieg vergleichsweise glimpflich davonkam, liegt in der Strategie des französischen Militärs begründet. Für den Fall eines notwendigen Rückzugs wurde das befestigte Neustadt als sicherer Stützpunkt benötigt. Die Kästenburg (Hambacher Schloss) wurde im September 1688 zu Beginn des Krieges niedergebrannt.
Die Entstehung der Legende
Die erste schriftliche Fassung der Kunigunden-Legende stammt aus dem Jahr 1789. Hundert Jahre nach der Verwüstung Speyers im Pfälzischen Erbfolgekrieg berichtete Friedrich Kuhlmann in seiner Schrift "Geschichte der Zerstörung der Reichsstadt Speyer durch die französischen Kriegsvölker", dass die Neustadter Bürgerstochter Kunigunde Kirchner das Herz des Kriegskommissars de Werth gefesselt habe. Diese habe daraufhin bei der französischen Generalität die Verschonung Neustadts erwirkt.
War Kunigunde Kirchner die Retterin von Neustadt an der Haardt im Jahre 1689?
1903 erschien in den Mitteilungen des historischen Vereins der Pfalz ein Aufsatz des Kgl. Gymnasialprofessors Lukas Grünenwald, in dem dieser, gestützt auf die historischen Quellen, schlüssig darlegte, dass es sich bei der Errettung Neustadts durch Kunigunde um eine Legende handelt. Abgedruckt ist in dem Beitrag auch das angebliche Bildnis der Kunigunde aus dem ehemaligen Besitz des Bankiers Grohe- Henrich, welches Grünenwald allerdings fälschlicherweise als Portrait der jungen Liselotte von der Pfalz deutete.
Die Weiterentwicklung der Legende
Der gebürtige Gimmeldinger und spätere Speyerer Bischof Johannes Geissel wiederholte und variierte 1828 in seinem Buch über den Kaiserdom zu Speyer Kuhlmanns Geschichte. Auch August Becker erzählt 1858 in seinem Klassiker "Die Pfalz und die Pfälzer" von Neustadts Errettung durch Kunigunde. Weitere Ausschmückungen und Variationen steuerte dann der Heimatforscher Friedrich Jacob Dochnahl in seiner Chronik von Neustadt an der Haardt aus dem Jahr 1867 bei. Dochnahl stützt seine Angeben auch auf ein angebliches Portraitgemälde der Kunigunde aus dem Besitz des Neustadter Bankiers Grohe-Henrich und ist tief enttäuscht, als der Gymnasiallehrer Lukas Grünewald 1902 eine Fehldeutung des Bildes nachweist.
Kunigunde Kirchner in der Folklore des 19.Jahrhunderts
Beim "Neustadter Carneval" 1858 zeigten die Narren ein Laienspiel über die "Belagerung Neustadts durch die Franzosen und die damit verknüpfte Rettung durch Kunigunde Kirchner". Im Bierkeller des Ludwig Straßer wurde am 31.Juli 1863 in drei Akten das Schauspiel "Kunigunde Kirchner, Retterin der Stadt Neustadt bei der Belagerung durch die Franzosen im Reunionskriege 1689" aufgeführt.
Angebliches Portrait der Kunigunde Kirchner
Eigentlich ein Portrait der Francoise Marie de Bourbon (1677-1749), geschmückt als Flora. Sie war eine Tochter Ludwig XIV. und seiner Mätresse Madame de Montespan. Bei dem Foto handelt es sich um eine Aufnahme des Gemäldes aus dem Besitz des Herrn Grohe-Henrich. Von diesem Bild berichtet Dochnahl in seiner Chronik von 1867.
Postkarte aus dem Neustadter Verlag von Wilhelm Marnet
Die Postkarte zeigt ein Portrait der Kunigunde. Es ist dem angeblichen Bildnis aus dem Besitz des Bankiers Grohe- Henrich nachempfunden. Vorlage für die Stadtansicht war eine Radierung aus dem Jahr 1690, angelehnt an die Merian-Ansicht aus dem Jahr 1645. Links unten ist der Kniefall Kunigundes vor der französischen Generalität dargestellt.
Postkarte "Gasthaus zur Kunigundenburg"
Farblithografie um 1898, gedruckt bei der Kunstanstalt J.H. Ziegler in Neustadt an der Haardt. Der Wirt Jacob Gotthold erklärte sein Lokal zum "Geburtshaus der Kunigunde Kirchner". Zum damaligen Zeitpunkt war noch nicht bekannt, dass Kunigunde in Heidelberg geboren wurde. Die Kunigundenburg befand sich im Anwesen der heutigen Kunigundenstraße 15.
Heinrich Jacobi und Kunigunde Kirchner
Im Homburg v.d. Höhe stieß um 1930 der Direktor des Saalburgmuseums Heinrich Jacobi (1866-1946) bei Forschungen auf die Familiengeschichte der Kunigunde. Er stellte fest, dass der Kriegskommissar Johann Peter de Werth 1706 in den Dienst des Landgrafen Friedrich II. getreten war. 1704 hat er im pfälzischen Albersweiler in zweiter Ehe die Kunigunde Kirchner geheiratet. Diese folgte de Werth nach Homburg, das Paar bekam zwei Kinder. De Werth starb im Januar 1708. Noch im Trauerjahr heiratete Kunigunde den Hofmeister Antonius Claudius de Vallee. Kunigunde starb wenige Monate später am 16.Februar 1709. Heinrich Jacobi sorgte dafür, dass ein großes Ölgemälde als angebliches Bildnis der Kunigunde im Jahr 1950 in das Heimatmuseum Neustadt gelangte.
Bildnis der Kunigunde
Ein seit 1950 im Museum der Stadt präsentiertes Portraitgemälde galt bis zum Jahr 2018 als Bildnis der Kunigunde mit ihrem Sohn Joseph aus ihrer Zeit im Homburg v.d Höhe. Dies stellte sich, wie bei dem Portrait aus dem Besitz des Bankiers Grohe-Henrich, als Fehlinterpretation heraus. Abermals handelt es sich um das Portrait einer französischen Prinzessin. Bei der Dargestellten handelt es sich vermutlich um die Mademoiselle de Blois, Tochter Ludwig XIV. und ungeliebte Schwiegertochter der Liselotte von der Pfalz.
Glasfenster aus dem Jahr 1936
Für ihren Ausschank im sogenannten Winzereck beauftragte die Neustadter Winzergenossenschaft im Jahre 1936 die Glasmalerei Emil Gaiser in Stuttgart mit der Ausführung mehrerer Glasfenster nach Entwürfen von Albert Klaiber. Eines davon zeigt Kunigunde vor der stilisierten Silhouette Neustadts. Unter dem rechten Arm trägt sie das Stadtwappen, ein Herz in der linken Hand symbolisiert die Rettung der Stadt durch ihre Liebesbeziehung zu Johann Peter de Werth. Ansonsten ist sie züchtig verhüllt wie eine Nonne. De Werth ist auf den Glasfenstern nicht dargestellt.
Kunigunde und Johann
Seit dem Jahr 2000 erinnern in Neustadt die Büsten von Kunigunde und dem Kriegskommissar de Werth an das legendäre Paar. Auf Initiative des Neustadter Architekten Friedrich-Karl Herzog-Bangert wurde Friedrich Kuhlmanns 1789 erhobene Forderung nach einer Ehrensäule für Kunigunde erfüllt. Die Skulpturen laden ein, über Dichtung und Wahrheit und über die mysteriöse Lebensgeschichte einer bemerkenswerten Neustadterin zu sinnieren.