Ein Vorhang von Victor Vasarely ziert unseren Saalbau

Dieter Ohnesorge

Beim Wiederaufbau des am 28. November 1980 abgebrannten Saalbaus waren alle Vertreter der Saalbaukommission bemüht, sachlich und verantwortungsvoll in allen Einzelfragen um die jeweils beste Lösung zu ringen. Die Architekten mussten sich so ziemlich bei jedem Thema mit allen nur denkbaren Fragen und möglichen Folgen auseinandersetzen. Die eigentliche Bewährungsprobe bestand die Saalbaukommission bei der Innengestaltung der Räume. Wir berieten, wie wir den ebenerdig gestellten Saal von der Bühne abgrenzen sollten. Bei Tagungen wurde in der Regel lediglich der vordere Teil der Bühne für den Tisch der Veranstaltungsleitung genutzt. Die Bühne dahinter wirkte dann wie ein unangenehmes Loch.
Mit einem normalen Vorhang, wie er in Konzertsälen üblich war, konnte sich Professor Römer nicht anfreunden. Er dachte an einen Vorhang, der dem Raum einen angenehmen Abschluss gab. Man sollte nicht das Gefühl haben, in einem Konzert- oder Theatersaal zu sitzen. Vielleicht könnte man auch einen Teppich auf den eisernen Vorhang - die Trennmauer aus Metall - kleben. Soweit überzeugten uns seine Ausführung. Aber wer sollte ihn gestalten?

Ich hatte immer dafür geworben, die Spendengelder nicht einfach so in den Baukosten verschwinden zu lassen. Sie sollten möglichst für eine besondere künstlerische Gestaltung verwandt werden, aber wofür? Der Teppich auf dem eisernen Vorhang erschien uns auf Anhieb ein geeignetes Objekt dafür zu sein. In unserer nächsten Besprechung wurde von Hans Sommer der Name von Victor Vasarely genannt. Mir selbst war der Name bisher nicht begegnet. Wir besorgten uns Unterlagen von ihm und der kleine Saalbauausschuss zeigt sich offen für diese Idee.

Der aus Ungarn stammende Künstler lebte in Paris. Ich fuhr im Januar 1983 zu ihm hin, begleitet von einem Dolmetscher, um herauszufinden, ob er überhaupt Bereitschaft für die Übernahme dieser Aufgabe zeigte. Wir wurden von ihm und seiner Frau freundlich empfangen, beide wohl schon etwa 80 Jahre alt. Ich beschrieb ihm ausführlich die Situation, vergaß auch nicht das Hambacher Fest zu erwähnen. 

Er zeigte schließlich Interesse an einem Auftrag und wollte sich über ein entsprechendes Motiv schon mal Gedanken machen. Am 1. März 1983 informierte ich den kleinen Saalbauausschuss über meinen Besuch, wies aber darauf hin, dass ich Alternativen zu Vaserely offenhalten wolle. Anfang September berieten wir in der Saalbaukommission über die Frage, wie der Bühnenabschluss erfolgen sollte. Sollte der eiserne Vorhang selbst künstlerisch ausgestaltet werden oder ein Textilvorhang zur Verbesserung der Saalakustik zum Einsatz kommen? In den folgenden Sitzung Ende September vermochten die inzwischen eingeholten Bilder von Bühnenvorhängen verschiedener Stadthallen nicht zu überzeugen. Wir einigten uns darauf, den eisernen Vorhang mit einem Gewebe zu bespannen, um die akustischen Probleme auszuräumen und darauf den Teppich zu kleben. Wir baten Christiane Maether und Georg Vorhauer aus Neustadt sowie Karl Unverzagt aus Grünstadt darum, eine Skizze ihrer Vorstellungen einzureichen. Zugegebenermaßen hatten es unsere regionalen Künstler sehr schwer, gegen den weltweit bekannten Franzosen zum Zuge zu kommen.

Ich fuhr mit Professor Römer und meinem Mitarbeiter Joseph Kaufmann zu Victor Vasarely, um Einzelheiten des Auftrags und der Art des Wandteppichs zu besprechen.  Wir hatten ein vorzügliches Gespräch und auch schon in etwa ein Motiv angepeilt, das aber auf unsere Situation angepasst werden musste. Wir gaben aber zu verstehen, dass wir noch sein Museum Gordes in Aix-en-Provence aufsuchen wollten.

Am 1. Februar 1984 erhielten die drei regionalen Künstler Gelegenheit, vor der kleinen Saalbaukommission ihre Vorstellung von der Gestaltung des Vorhangs vorzutragen und durch Skizzen zu belegen. Am 7. Februar besuchten wir das Vasarely-Museum mit den politischen Spitzen des kleinen Saalbauausschusses. Wir fanden in dem Museum wirklich wunderschöne Gemälde und konnten uns schließlich auf zwei Motive verständigen. Neben dem später gewählten Kugel-Motiv gefiel uns ein ungewöhnlich farbenfrohes Bild. Wir befürchteten allerdings, dass dieses Motiv unseren Saal erschlagen könnte.

In der Ratssitzung vom 1. März 1984 wurden alle Entwürfe im Metropol-Kino gezeigt und von den Ratsmitgliedern eingehend aus verschiedenen Perspektiven besichtigt, von Frau Maether, 1 Entwurf von Herrn Vorhauer 2, von Herrn Unverzagt 3 und Vasarely hatte 13 Entwürfe vorgelegt. Bevor sich die Fraktionen zur Beratung zurückzogen, empfahl der Stadtrat, zwei Entwürfe von Vasarely besonders ins Auge zu fassen. Nach den Beratungen in der Fraktion stimmte der Stadtrat bei zwei Gegenstimmen für die besagten beiden Vorschläge von Vasarely.

Vasarely wurde beauftragt, auf Grundlage der beiden Motive zwei speziell auf den Saalbau zugeschnittene Entwürfe zu fertigen, von denen der Stadtrat dann einen auswählen wollte. Das Honorar wurde auf 10.000 DM festgesetzt. Die endgültige Entscheidung fiel sodann am 30. Mai 1984. Herr Vasarely Junior war zu dieser Sitzung eingereist, um am Vormittag im Saalbau die Räte in ihrer Entscheidung zu beraten. Am günstigsten sei das Kugel-Motiv, weil es sich hierbei um ein äußerst ruhiges Modell handele. Durch die sehr bewegliche Tonnendecke wäre beim anderen Entwurf der Saal womöglich zu überladen gewesen. Ich erwähnte noch, dass Victor Vasarely von Beginn an das Kugel-Motiv favorisiert habe. In der darauffolgenden Sitzung des Hauptausschusses am 14. Juni1984 wurden sodann die Aufträge an Vasarely und für den Webauftrag an die Firma Ewald Kröner aus Düsseldorf vergeben, die auf solche Aufgaben spezialisiert war. Seine Teppiche werden gestickt und wirken so wie „aus einem Guss“. Die Gesamtkosten für den Vorhang beliefen sich auf 336.000 DM.

Am 15. Mai 1984 hatte ich mich zu einem Gespräch mit Herrn Dieter Schaub, dem Chef des Rheinpfalz-Verlages in Ludwigshafen angemeldet. Ich wollte ihn für eine neue Idee begeistern. Mir schwebte vor, in Neustadt ein Gesprächsforum zu gründen mit der Zielsetzung, in unregelmäßigen Abständen bekannte Politiker, Prominente aus der Wirtschaft und sonstige Experten zu interessanten Themen einzuladen. Nach meinem einführenden kleinen Vortrag dachte ich, dass wir darüber sprechen könnten. Aber es gab von ihm überhaupt keine Reaktion. Stattdessen erklärt er mir kurz und knapp, dass er der Stadt den Vasarely-Vorhang schenken wolle. Ich war sprachlos. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Beglückt fuhr ich nach Hause und telefonierte sobald als möglich mit Lutz Frisch. Er zeigte sich ebenso überrascht. In seiner ersten Reaktion meinte er: Den Vorschlag können wir nicht annehmen. Wir haben so hart darum gekämpft. Aber natürlich freute auch er sich über dieses kostbare Geschenk an die Stadt. Der Vorhang konnte noch rechtzeitig vor der Einweihung auf der eisernen Trennmauer aufgeklebt werden.

Die „Op–Art“, eine Kunstrichtung, die in den 50er und 60er Jahren im Zenit stand, macht sich die selbstständige Aktivität des menschlichen Auges zunutze und reizt und täuscht es durch Wechselwirkungen: Der Vorder- rückt in den Hintergrund und der Hintergrund rückt in den Vordergrund. Auf den Op-Art Bildern entsteht ein ständiger Wechsel zwischen Traum und Wirklichkeit.
Vasarely entwickelte eine formale Bildsprache. Kunst für jeden nachvollziehbar, Kunst als Bestandteil des täglichen Lebens – Ziele von Victor Vasarely, die, nimmt man seinen Erfolg als Gradmesser, weltweit aufgegangen sind. Das Motiv des Saalbau-Vorhangs ist eine Fortentwicklung des Sir-Ris-Themas. Die ursprünglichen schwarz-weißen Variationen wurden später farblich ausgereizt.

Der Raumabschluss von Victor Vasarely wirkt auf mich geradezu magisch. Ich sah und sehe auch heute noch in ihm das Symbol unserer Weltkugel, die mich daran erinnert, dass nach Paul Münch die Weltachse in Neustadt gedreht wird.

In meiner Eröffnungsrede erinnerte ich noch einmal an die Brandnacht. „Damals in jener düsteren Novembernacht, glaubte wohl keiner, dass wir innerhalb von vier Jahren den wiederaufgebauten Saalbau einweihen könnten“. Besonders hob ich die Spende des Vasarely Teppichs von Herrn Dieter Schaub hervor. „Sie verehren die Kunst von Vasarely und waren hocherfreut, dass die Stadt an die Innengestaltung des Saalbaus derart auserlesene künstlerische Ansprüche stellte".

Ich prognostizierte, in Zukunft würden auswärtige Gäste u.a. auch deshalb nach Neustadt pilgern, um den Vasarely-Teppich zu bewundern. Diese Prognose erfüllte sich aber leider nicht, bisher jedenfalls. Vor den Veranstaltungen ist der Vasarely-Vorhang leider nicht zu sehen. Man bekommt den Vorhang nur selten zu Gesicht. Eigentlich schade! Ich finde, man sollte seine Kunstschätze, deren man sich rühmen darf, schon auch in der Öffentlichkeit zeigen.

Quelle: Stadtarchiv Neustadt