Heinrich Strieffler und seine Ansicht von "Neustadt an der Weinstraße" aus dem Jahr 1936

Gerhard Hofmann

Der Maler und Grafiker Heinrich Strieffler wurde 1872 in Neustadt an der Haardt geboren. Mit 14 Jahren begann er eine Lithografenlehre in Neustadt und arbeitete danach als Geselle bei verschiedenen lithografischen Kunstanstalten in Frankfurt am Main, Leipzig und München. Ab 1891 studierte er an der Kunstgewerbeschule in München, von 1893 bis 1897 an der Akademie der Bildenden Künste in München. Ab 1904 lebte Heinrich Strieffler in Landau. 1912 heiratete er Ida Salm aus Lachen. 1917 wurde die Tochter Marie geboren. Auch Marie Strieffler wurde eine in der Pfalz populäre Malerin.

Die druckgrafische Arbeit hat im Werk von Heinrich Strieffler einen besonderen Rang. Der Künstler besaß eine eigene Steindruckpresse. In einer Serie von Lithografien aus den Jahren 1910 bis 1912 mit dem Titel „Von der Rebe bis zum Glase" hatte Strieffler den Winzeralltag in der Pfalz dargestellt. Diese Serie erweiterte er ab 1923, wechselte aber von der Federlithografie zur Kreidelithografie. Der zeichnerisch versierte Strieffler entwickelte als Lithograf eine wahre Meisterschaft. Striefflers Arbeiten fanden beim Publikum Anklang und er konnte seine Bilder gut verkaufen.

Das Blatt ist datiert und mittig unterhalb der Darstellung im Stein mit „Neustadt an der Weinstraße“ bezeichnet. Diesen Namen erhielt die Stadt Ende 1936. Nach der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten wurde im Oktober 1935 von Gauleiter Josef Bürckel die Eröffnung der Deutschen Weinstraße verkündet. Am 12. November 1936 erfolgte die Umbenennung des Bezirksamts Neustadt an der Haardt in Bezirksamt Neustadt an der Weinstraße.

Schon ab dem Ende der zwanziger Jahre hatte das Interesse an Striefflers Arbeiten deutlich nachgelassen. Anlässlich seines 60. Geburtstages verfasste Strieffler Lebenserinnerungen und beklagte sich über die schwindende Wertschätzung gegenüber seinen künstlerischen Leistungen. Die Gründung der Deutschen Weinstraße ließ die Nachfrage nach Striefflers Lithografien mit Weinbau-Motiven wieder ansteigen.

Der Standpunkt des Betrachters bei Striefflers Neustadt-Ansicht ist auf dem Schillerberg gegenüber dem Bahnhofsgebäude. Die Ansicht ist nicht gleichzusetzen mit einem fotografischen Abbild. Strieffler nimmt sich durchaus künstlerische Freiheiten, etwa wenn er das Hambacher Schloss am linken Bildrand einzeichnet. Dennoch gibt das detailversessene Blatt einen guten Eindruck vom Bild der Stadt in der Mitte der 1930er Jahre.

Von dem neuen Postgebäude über das Stadion und das Stadttheater am Saalbau sind viele Gebäude zu erkennen, die in den 1920er und frühen 1930er Jahren neu entstanden waren. Aber auch die Synagoge und das jüdische Altersheim in der Karolinenstraße (heute Hauberallee) hat Strieffler eingezeichnet. Zwei Jahre nachdem Strieffler seine Neustadt-Ansicht lithografiert hatte wurde die Synagoge in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Brand gesetzt. Als das jüdische Altersheim in der gleichen Nacht bei einem Brandanschlag zerstört wurde, starben zwei Bewohnerinnen.

Zum 1. Mai 1933 war Heinrich Strieffler der NSDAP beigetreten, übernahm aber keine Funktion im Kulturbetrieb. Er starb 1949 in Landau. 1981 wurde in Neustadt an der Weinstraße eine Straße nach ihm benannt.

Autor: Stadtarchiv