Narrenpässe - Persiflage des Neustadter Stadtgeschehens

Bärbel Hanemann

Die Motive der Neustadter Narrenpässe sind vielfältig. Sie erzählen auf humorvolle Weise Episoden aus dem Neustadter Stadtgeschehen. Themen, über die sich die Bürger aufregten, Ärgernisse in puncto Stadtverwaltung, Saalbau, Schlachthof oder Badeanstalt, alles wurde angeprangert. Die Pässe stellen wertvolle Dokumente zur Neustadter Stadtgeschichte dar.

Die Einführung der Narrenpässe lässt sich auf Johann Casimir „Goswin“ Tischleder zurückführen. Er gründete 1840 den Neustadter Karnevalverein. Den ersten Narrenpass gab es wohl 1842. Tischleder starb 1845 im jungen Alter – die organisierte Fastnacht in Neustadt pausierte bis zum Jahr 1857. Der älteste noch erhaltene Neustadter Narrenpass stammt von 1858. Sogar das Band, um ihn um den Hals zu tragen, ist noch im Original vorhanden. Narrenpässe sind Mitgliedsausweis und zugleich Eintrittskarte zu den karnevalistischen Veranstaltungen. Sie mussten von den Mitgliedern erworben werden, auf der Rückseite des Passes ist der Name des Besitzers eingetragen.

Die Erbauung eines Wasserturmes, die Umgestaltung der Stadtmühle in eine Duschanstalt, die gerade aufkommende elektrische Straßenbeleuchtung, die Einrichtung eines Badeweihers im Neustadter Tal, all diese Themen wurden auf den Neustadter Narrenpässen aufgegriffen.

Der älteste erhaltene Pass stammt aus dem Jahr 1858, der letzte Pass ist von 1931. Er steht unter dem Motto: "Liebet eure Feinde". In diesem Jahr hat man nur den Rosenmontagsball abgehalten - der Reinerlös kam der Winterhilfe zu. Die mageren Jahre waren nun auch im Karneval angebrochen!

Narrenpass von 1885:Neustadt und Winzingen – zwei eigenständigen Gemeinden

Auf dem Pass von 1885 sind die beiden Gemeinden Winzingen und Neustadt einander gegenübergestellt: Winzingen hat die Grenze zu Neustadt durch einen Schlagbaum abgesperrt. Über Neustadt hält ein Beamter das leere Geldkörbchen und eine Schriftrolle mit dem Aufdruck „Gemeindeumlage 175%“ – darunter abgebildet das teure Neustadter „Asphalt Pflaster“. Auf der Gegenseite neckt ein Narr und zeigt nach unten, wo die Winzinger sorglos in ihren Betten schlummern. Ihre „Gemeinde Casse“ steht zwar auf ungepflastertem Boden, ist aber gut gefüllt. Im Jahr 1884 reiste eine Kommission nach München, um wegen einer Eingemeindung von Winzingen vorzusprechen. Erst 1891 erfolgte die ministerielle Genehmigung zur Eingemeindung von Winzingen, was am 1. Januar 1892 vollzogen wurde.

1897: Narrenpass in Form einer elektrischen Bogenlampe

Der Narrenpass hat die Form einer elektrischen Bogenlampe. Im Februar 1896 gab Bürgermeister Friedrich Exter bekannt, dass der Vertrag zur Strombelieferung abgeschlossen wurde. 1897 erhielt die Stadt elektrische Straßenbeleuchtung. Im Oktober 1896 nahm Exter mit der Nürnberger „Continentalen Gesellschaft für elektrische Unternehmungen“ wegen dem Bau einer Straßenbahn Kontakt auf – das Vorhaben wurde nicht realisiert. Erst 1913 erfolgte die Eröffnung der Pfälzischen Oberlandbahn („die Schneck“).

Im November 1896 beschloss der Stadtrat, in Neustadt eine Obst- und Weinbauschule zu eröffnen. 1899 konnte die „Königliche Wein- und Obstbauschule“ in der Maximilianstraße eingeweiht werden. ImAugust 1896 hatte man den neuen Schlacht- und Viehhof fertig gestellt. Am 9. Januar 1897 gründete man die „Gesellschaft zur Errichtung eines städtischen Volksbades“, es eröffnete am 19. Juli 1899 als erstes Hallenbad in der Pfalz.

Narrenpass von 1889 – Schulgebäude mit Höhenlage

Auf dem Narrenpass von 1889 zeigt das geplante Realschulgebäude auf dem Nollen. Über eine Feuerwehrleiter klettern Kinder zum Schulhaus hinauf. Andere springen herunter und werden von Feuerwehrleuten mit dem Sprungtuch aufgefangen. Hier wird Kritik am Standort des Schulgebäudes geübt – der Bau sollte Höhenlage bekommen! 1892 erfolgte die Einweihung der Realschule am „Nollenhang“ (heutiges Leibniz-Gymnasium).

Autor: Stadtarchiv