Der älteste erhaltene Neustadter Narrenpass aus dem Jahr 1858
Gerhard Hofmann
Wie im Brevier für die Kampagne 1990/91 anlässlich des 150jährigen Bestehens des Neustadter Karnevalsvereins 1840 e.V. berichtet wird, liegen die Anfänge der Neustadter Fastnacht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zur Zeit des Hambacher Fests fanden karnevalistische Veranstaltungen im damaligen Schießhaus am Viehberg statt und dienten auch politischen Zwecken.
Im Jahre 1840 wurde auf Initiative des 20-jährigen Gutsbesitzersohns Johann Goswin Tischleder aus der Hintergasse die Neustadter Karnevalsgesellschaft gegründet. Spätestens nach dem frühen Tod Tischleders im Jahr 1845 war es schon wieder vorbei mit den ersten organisierten Kampagnen. Die politischen Verhältnisse werden auch ihren Teil dazu beigetragen haben. Nach dem Hambacher Fest war selbst närrisch verpackte Kritik an den herrschenden Zuständen nicht erwünscht. Die Aktivitäten wurden 1857 wiederaufgenommen und im Jahr 1858 wurde zur Fastnacht ein Laienspiel zur „Belagerung von Neustadt durch die Franzosen und die damit verknüpfte Rettung durch Kunigunde Kirchner“ aufgeführt.
Eine Besonderheit der Neustadter Fastnacht sind die aufwändig gestalteten Narrenpässe. Der erste Narrenpass wurde 1842 ausgegeben. Leider sind keine Exemplare aus den ersten Jahren erhalten. Der älteste erhaltene Narrenpass stammt aus dem Jahr 1858. Die Pässe dienten als Eintrittskarte für die von der Narrengesellschaft veranstalteten Bälle und sonstige Veranstaltungen und wurden an einem Band um den Hals getragen. Bei den Narrenpässen späterer Jahrgänge war rückseitig ein Auszug aus den Statuten der Narrengesellschaft abgedruckt. Darin war festgelegt, welcher Personenkreis Zutritt zu den Karnevalsveranstaltungen hatte.
Der Narrenpass des Jahres 1858 wurde aufwändig im lithografischen Verfahren gedruckt. Abgebildet sind drei Männer, die bei einem grotesken Treiben beobachtet werden können. Prinz Karneval mit dem Narrenzepter in der rechten Hand sitzt auf dem Rücken eines Bürgers und benutzt diesen als Kutschgefährt. Mit der linken Hand zieht er am Zopf des zweiten Mannes und lenkt ihn wie ein Pferd an einem Zügel. Mit Zipfelmütze und Schlafrock ist der zweite Mann als deutscher Michel charakterisiert. Der Karnevalsprinz hat sichtbaren Spaß daran, die beiden braven Bürger zu piesacken und anzutreiben.
Die Figur des Karnevalsprinzen ist gleichzeitig ein Porträt des als Winterkönig verspotteten Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz (1596-1632). Er trägt einen Spitzenkragen und Spitzenmanschetten und einen mit Hermelin gefütterten Mantel. Am Knie ist der Hosenbandorden zu erkennen, den Friedrich vor seiner Hochzeit mit der englischen Königstochter Elisabeth Stuart erhalten hatte. Der Narrenpass spielt damit an auf eine 1624 in Meisners Schatzkästlein erschienene Stadtansicht von Neustadt. Radiert wurde das Blatt von Matthäus Merian. Vor der Ansicht der Stadt steht ebenfalls Kurfürst Friedrich V. mit dem Hosenbandorden und der böhmischen Königskrone in der Hand. Die Wahl Friedrich V. zum Böhmischen König und seine Krönung in Prag 1619 stehen folgenschwer am Anfang des 30-jährigen Krieges.
Dekorativ umrankt ist die Szenerie auf dem Narrenpass mit Weinreben und Trauben, gekrönt von einem umkränzten und auf das Jahr 1858 datierten Becher und einer Schriftbanderole. Ganz klein im Hintergrund an der Horizontlinie sind die Türme der Stiftskirche zu erkennen. Der Zeichner des Narrenpasses ist C. Mayer, der um die gleiche Zeit auch eine Ansicht von Neustadt in der Vogelperspektive lithografiert hat.