Familiäre Aufzeichnungen

Wolfgang Werner Krapp

„Zukunft braucht Vergangenheit“ ist das Motto des Archivs der protestantischen Landeskirche in Speyer. – Seit Menschengedenken wurde das Wissen „der Alten“ mündlich an ihre Nachkommen weitergegeben. Wer heute in die Jahre gekommen ist, hat eher selten das Gefühl, dass seine Kinder oder Enkel ihm gerne zuhören, wenn er von früher berichtet. Doch, wenn diese dann selber an der Reihe sind, stellen sich ihnen bisweilen Fragen, die dann ohne Antwort bleiben …

Darum ist jedem anzuraten, familiäre Begebenheiten, zumindest solche die von einem allgemeinen zeitgeschichtlichen Interesse sein könnten aufzuschreiben, in der Hoffnung, dass solche Aufzeichnungen von den Nachfolgenden, selbst wenn sie nicht gelesen, doch zumindest aufbewahrt werden. Irgendwann taucht immer einer auf, der aktives Interesse hat für die, die einmal vor ihm waren.

Vereinfacht lässt sich sagen, gebündelte Familiengeschichten ergeben die Ortsgeschichte und deren Zusammenfassung, letztlich die Weltgeschichte. Professionelle Historiker misstrauen Zeitzeugenberichten und neigen dazu, sich eher mit herausragenden, gut dokumentierten Ereignissen wie Schachten und Konferenzen zu befassen, wobei aber die zeittypische Lebenssituation bzw. das Lebensgefühl, wenn auch subjektiv, durch persönliche Schilderungen ausgedrückt wird.

Als Beispiel hier eine zufällig herausgegriffene Episode aus einer solchen Zusammenstellung familiärer Begebenheiten (Entnommen dem „Dochnahl“):

"1924 hat mein Vater den Führerschein gemacht. Eine Fahrprüfung fand damals hierzu nicht statt. Zur Prüfung musste er in einen ‚Blaumann springen‘ und an einem Fahrzeug einen simulierten Fehler finden und beheben. Offenbar wollte man nicht, dass massenweise liegengeblieben Fahrzeuge die Durchfahr behindern. Als Kind hat er seine erste Autofahrt 1901 erlebt, wobei das Benzin damals vorher schriftlich bei Drogerien entlang der Strecke vorbestellt werden musste, da es noch keine Tankstellen gab."

Vom „Weitblick“ damals Führender zeugt ein Zitat von Wilhelm II. aus jener Zeit „In 2-3 Jahren wird keiner mehr vom „Auto“ sprechen. Ich setze auf das Pferd!“

Es bleibt der Wunsch, dass die Gedanken der jeweils Jungen – sie sind die Alten von morgen – nicht nur um z.B. den gerade attraktivsten Sound-Player oder um die Frage kreisen, ob noch genügend Bier im Haus ist oder irgendetwas bei Aldi oder Lidl gerade billiger ist. Und so ist zu hoffen, dass sie immer jemand findet, der vorhandene familiengeschichtliche Unterlagen aufbewahrt, denn irgendwann taucht einer auf, der aktives Interesse für die Zeit, die einmal vor uns waren …

So ist jedem anzuraten sich bei „fortgeschrittenem Alter“ der kleinen Mühe zu unterziehen das, woran man sich erinnert und was von familien – und/oder zeitgeschichtlichem Interesse sein könnte, einmal aufzuschreiben. Er darf sicher sein, dass irgendwann ein Nachgeborener, selbst in die Jahre gekommen, daran Interesse finden wird! Man sollte nicht in der Vergangenheit leben, doch sollte man sich stets der Vergangenheit erinnern.

Autor: Stadtarchiv