Schweizer und Mennoniten als landwirtschaftliche Pioniere in der Pfalz
Helmut Seebach
Nach Zeiten des Krieges, der Entvölkerung, der Verwüstung und der Not war die Pfalz stets auf Einwanderung angewiesen. Ja, sie war von absolutistischen Herrschern sogar durch eine staatlich geförderte Politik der Wiederbevölkerung bewußt gewollt! In den nach dem 30jährigen Krieg verwüsteten und menschenleeren Weinberg und Garten Deutschlands siedelten französische Hugenotten und Wallonen, Schweizer Calvinisten und Mennoniten, italienische Piemonteser und Tiroler.
Sie kamen nicht mit leeren Händen, sondern brachten uns viele Neuerungen mit bis dahin unbekannten Namen: Sie zogen den „Tabak“ in der „Kutsche“ (Frühbeet) heran, um dann die Blätter in „Bandeliere“ (Tabakschnüre) aufzufädeln. „Welschkorn“ (Mais), „Luzerne“ (Klee aus dem piemontesischen Lucernertal) und „Kartoffeln“ waren völlig neue Feldfrüchte und verweisen auf fremdländische Herkunft.
Die deutschsprachigen Einwanderer stammten aus dem Gebiet der Kantone Zürich, Basel und Bern. Sie gehörten der reformierten Lehre an oder waren Mennoniten. Ein Bauernaufstand in der Innerschweiz, ausgelöst vor allem durch einen hohen Steuerdruck, wurde 1653 blutig niedergeschlagen. Die Aufständischen stellten die erste Gruppe der Auswanderer, andere folgten ihnen nach. Sie waren meist Bauern, Knechte, Mägde und Tagelöhner, aber auch Hirten und Handwerker und kamen oft sippenweise. Eine eigene Gruppe unter den Schweizer Einwanderern stellten die rund 1.000 Mennoniten dar, die sich im Elsaß und in der Pfalz niederließen und Träger des landwirtschaftlichen Fortschritts waren. Sie führten die Alpwirtschaft in den Vogesen, eine geregelte Feld-Graswirtschaft in Pfalz und Elsass ein, sowie eine einheitliche Durchführung der Dreifelderwirtschaft, die kein Dauerbrachland kennt und sie leiteten den Übergang von der Weide- zur Stallhaltung zur Mistgewinnung ein.
Mennoniten erkannten, wie wichtig der Dünger für den Acker ist: Je mehr Futter – je mehr Vieh, je mehr Vieh – je mehr Dung, je mehr Dung – je größer der Ertrag der Äcker! So lautet ihre ökonomische Grundregel, die auf realen, praktischen Erfahrungen beruhte. Sie versorgten erstmals planmäßig die Felder mit Jauche und Stallmist. Das Jauchefass gilt als eine mennonitische Erfindung sein. Ferner führten sie Düngungsversuche mit Kalk, Gips, Pottasche und Abfallstoffen der gewerblichen Wirtschaft durch und untersuchten die Verträglichkeit einzelner Nutzpflanzen innerhalb der Fruchtfolge. Zudem bewässerten sie die Wiesen und bauten als erste Klee an. Ihre Höfe waren über Jahrhunderte hinweg Musterwirtschaften, deren Auswirkungen in der Pfalz noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts beobachtet werden konnte.
In den Gemarkungen Pfeddersheim und Monsheim hatte 1744 der aus der Schweiz emigrierte Mennonit Möllinger 25 Hektar Land erworben. Darauf konnte er zunächst nur drei magere Kühe halten. Das änderte sich, als er den Anbau von Esparsette und Luzerne einführte und eine größere Brennerei errichtete. Dies brachte nicht nur Bargeld aus dem Verkauf von Alkohol, sondern vor allem Schlempe (nahrhafte Brennrückstände) für seine Kühe und Mastochsen. Letztere lieferte er bevorzugt an den fürstlichen Hof in Heidesheim. Möllingers Kühe gaben etwa 900 Liter Milch im Jahr. Seine Nachbarn mußten sich mit 600 bis 700 Liter begnügen. Eine Kuh wog damals nur halb so viel wie heute.
Es bedurfte überaus tüchtiger Menschen, um das verlorene Paradies in der Pfalz nach dem 30jährigen Krieg wieder erstehen zu lassen, wie zum Beispiel die Mennoniten. Gottesfürchtige und bibelgläubige Menschen, denen die Vorstellung vom Paradies vertraut ist, auch wenn sie aus der Schweiz vertrieben wurden. Nach ihrer religiösen Überzeugung müssen sie mit ihrer Hände Arbeit ihren Garten Eden selbst erschaffen.
Die Pfalz war für die Mennoniten aus der Schweiz vielfach nur Transit. Ihre Wanderstationen in der alten Welt und dann weiterführend in der neuen Welt können an der Verbreitung eines „ jungen Gemüses“ nachvollzogen werden: der Kartoffel.