Demokratiegeschichte als Teil der deutschen Erinnerungskultur - ein junge Entwicklung
Kristian Buchna
Am 29. September 2020 tagte der Stadtrat von Neustadt erstmals in seiner Geschichte im Hambacher Schloss und fasste dort den Demokratiestadt-Beschluss. Kam das nicht reichlich spät? Immerhin waren seit dem Hambacher Fest rund 188 Jahre vergangen! Bevor man der hiesigen Politik vorschnell Versäumnisse vorwirft, lohnt ein Blick auf die allgemeine Entwicklung der Erinnerungskultur in Bezug auf unsere Demokratiegeschichte. Dabei zeigt sich nämlich schnell, dass die heute vielbeschworene „Wiege der deutschen Demokratie“ lange Zeit ein weithin vergessener Ort war.
Nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus dominierte in Deutschland zunächst der Wunsch nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit. Erst allmählich setzte sich die Einsicht in die Notwendigkeit einer Aufarbeitung der Geschichte des Dritten Reiches und seiner Verbrechen durch. Die Auseinandersetzung mit bzw. die Abgrenzung vom Nationalsozialismus, seinem rassistischen, antisemitischen Weltbild und seinen Menschheitsverbrechen prägt die deutsche Erinnerungskultur. Die mit dieser Auseinandersetzung verbundene Maxime des „Nie wieder!“ ist Teil der deutschen Staatsräson. Nach der Wiedervereinigung trat als weitere feste Säule der deutschen Erinnerungskultur die Auseinandersatzung mit der SED-Diktatur hinzu. Historiker haben daher von einem „negativen Gedächtnis“ gesprochen, das die deutsche Erinnerungskultur auszeichnen würde.
Die Erkenntnis, dass es als Ergänzung, wohlgemerkt nicht als Konkurrenz oder gar als Ersatz, eines positiven Gedächtnisses bedarf, das an freiheitliche, an demokratische Traditionslinien erinnert – diese Erkenntnis brach sich in der Bundesrepublik erst sehr langsam Bahn. Die Geschichte des Hambacher Schlosses ist ein anschauliches Beispiel hierfür. Bis weit in die 1960er Jahre hinein war das Schloss eine von allerlei Gestrüpp überwucherte Ruine ohne Dach, ohne Fenster und ohne fließend Wasser. Besonders beliebt war das Schloss bei den Kindern aus der näheren Umgebung, die es als „Abenteuerspielplatz“ nutzten. Im Zuge der rheinland-pfälzischen Gebietsreform ging das Schloss 1969 vom aufgelösten Landkreis Neustadt ins Eigentum des neu geschaffenen Landkreises Bad Dürkheim über. Dieser bemühte sich – hochverschuldet – Mitte der 1970er Jahre um einen Verkauf der kostspieligen Ruine. Sowohl der Bund als auch das Land haben jedoch dankend abgewunken, da „kein Bedarf für eine Verwendung des Hambacher Schlosses“ bestand. Als jedoch der Verkauf an private Investoren erwogen wurde, entbrannte eine öffentliche Debatte um den historischen Wert dieser „Immobilie“. Die RHEINPFALZ empfand den Umgang mit dem Hambacher Schloss als skandalös und forderte: „Diese Stätte als Nationaldenkmal zu erhalten und noch weiter auszubauen, haben wir Bürger der demokratischen Bundesrepublik alle Veranlassung, ja die Verpflichtung.“
Das 150. Jubiläum des Hambacher Festes im Jahr 1982 gab der „Wiege der deutschen Demokratie“ ihren wohl wichtigsten Impuls. Im Zuge umfassender Renovierungs- und Umbaumaßnahmen wurde das Hambacher Schloss zu einem beliebten Veranstaltungsort, an dem nun endlich auch eine Ausstellung über die Geschehnisse rund um das Hambacher Fest informierte. Bis zur Gründung der öffentlich-rechtlichen Stiftung Hambacher Schloss sollten noch weitere 20 Jahre vergehen. Die 2002 vom Land Rheinland-Pfalz, der Stadt Neustadt, dem Landkreis Bad Dürkheim und dem Bezirksverband Pfalz gegründete öffentlich-rechtliche Stiftung hat laut Satzung die Aufgabe, „das Hambacher Schloss als bedeutende historische Stätte für die Entwicklung der Demokratie in Deutschland und die europäische Zusammenarbeit zu erhalten und zu pflegen, insbesondere auch historisch-politische Vermittlungsarbeit im Geiste der Demokratie, Menschenwürde, Toleranz und Völkerverständigung zu leisten.“
Erst in den letzten zehn Jahren zeichnet sich ab, dass sich die Geschichte der Demokratie in Deutschland – mit all ihren Wegbereitern und Vorkämpferinnen ebenso wie mit ihren Sackgassen und Abwegen – zu einer eigenständigen Säule unserer Erinnerungskultur entwickelt. In Politik und Wissenschaft, Medien und Museen wird verstärkt über die Demokratiegeschichte und ihren Wert für unsere Gegenwart diskutiert. In diese relativ junge Entwicklung einer wertschätzenden Erinnerung, aus der sich zugleich ein Auftrag für die Gegenwart ableitet, fügt sich der Neustadter Demokratiestadt-Beschluss sehr gut ein.