Bilder erzählen Geschichte: Der Einritt von Kurfürst Friedrich IV. in Neustadt 1598 und die Einnahme von Neustadt durch Pfalzgraf Johann Casimir 1577

Gerhard Hofmann

Die älteste druckgrafische Darstellung mit einer Gesamtansicht von Neustadt erschien 1599 in der Schrift Historicae Relationis Continuatio, einer Art Nachrichtenmagazin mit der Beschreibung denkwürdiger Ereignisse aus aller Welt. Die Textzeile am unteren Bildrand beschreibt das auf der Radierung dargestellte Ereignis. Der Kurfürst Friedrich IV. ist mit seinem Gefolge durch die zwei im Westen gelegenen Tore in die Stadt eingezogen, der Zug wird von Soldaten begleitet und führt an der Stiftskirche vorbei zum Rathaus, wo der Kurfürst von einer Neustadter Delegation begrüßt wird. Die Darstellung der Stadt kann keine Genauigkeit beanspruchen. Friedrich IV. von der Pfalz (1574-1610) war neun Jahre alt, als er 1583 die Nachfolge seines Vaters Kurfürst Ludwig VI. von der Pfalz antrat. Sein Onkel, der reformierte Pfalzgraf Johann Casimir, übernahm die Vormundschaft für Friedrich IV. und die Regentschaft in der Kurpfalz. Johann Casimir starb 1592.

21 Jahre vor dem friedlichen Einritt Friedrich IV. nach Neustadt hatte Johann Casimir die Stadt eingenommen. 1576 war in Heidelberg Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz verstorben. Friedrichs ältester Sohn Ludwig war Lutheraner, im Gegensatz zu seinem Bruder Johann Casimir, der die reformierte Religion des Vaters vertrat. Der neue Kurfürst Ludwig IV. stellte das Luthertum in Heidelberg und in den rechtsrheinischen Gebieten wieder her. Johann Casimir bestand auf der Übernahme der Ämter Kaiserslautern und Neustadt. Neustadt wurde zum Zankapfel, denn der Status der Stadt als unveräußerlicher Teil der Kurpfalz war infrage gestellt. Die Neustadter wollten Teil der Kurpfalz bleiben und weigerten sich, den Pfalzgrafen Johann Casimir als neuen Herrn anzuerkennen. Dieser besetzte daraufhin in der Nacht vom 16. auf den 17. August 1577 die Stadt. Dieses Ereignis ist auf dem farbigen Blatt wiedergegeben. In einer endlosen Reihe sehen wir die Truppen Johann Casimirs in die Stadt einmarschieren.

Hartnäckig wird das Blatt mit der Einnahme von Neustadt in der Literatur als kolorierter Holzschnitt bezeichnet. Das ist in zweierlei Hinsicht falsch. Es handelt es sich nicht um einen Holzschnitt, sondern um eine Radierung. Es ist ein Abzug der Radierung aus dem Jahre 1599 mit dem Einritt Friedrichs IV. nach Neustadt. Dieser wurde nicht nur koloriert, sondern durch Übermalung auch in wesentlichen Teilen so verändert, dass aus dem friedlichen Einritt Friedrich IV. die gewaltsame Einnahme der Stadt durch Pfalzgraf Johann Casimir wurde. Die aus dem Tal heranziehende Reihe der Soldaten wurde nachträglich mit feinen Pinselstrichen in die Radierung hineingemalt. Die Szenerie innerhalb der Stadtmauern mit dem Empfang des Kurfürsten wurde mit deckender weißer Farbe fast vollständig übermalt. Dort, wo der Wagen mit dem Geleitzug des Kurfürsten durch das Stadttor einfährt, strömen bei der übermalten Version die Truppen Johann Casimirs in die Stadt. Durch die Umarbeitung wird eine ganz andere Geschichte erzählt.

Das Blatt ist Teil der als Thesaurus Picturarum bezeichneten Bildbände, die der reformierte Heidelberger Kirchenrat Dr. Marcus zum Lamm (1544-1606) für Kurfürst Friedrich IV. anlegen ließ.

Autor: Stadtarchiv