Eine Stadt bricht auf in die Moderne
Von Hambach bis Weimar
Bauen, Bahn und Banken. Diese Schlagworte charakterisieren die Epoche nach dem Hambacher Fest bis zum Ende der Weimarer Republik. In Neustadt vollzog sich in dieser Zeit ein enormer Umbruch, der sowohl das Wirtschaftsleben als auch das Stadtbild betraf.
Bau- und Babyboom
Zwischen 1852 und 1890 wuchs die Bevölkerung der Stadt von 7.600 auf 15.000 Einwohner. Im Juni 1847 wurde die erste Bahnstrecke der Pfalz in Betrieb genommen, sie reichte von Ludwigshafen nach Neustadt. 1873 feierte der Saalbau seine Eröffnung, die Finanzierung ermöglichten Spenden Neustadter Bürger, die dort Musik und Theater erlebten oder bei Tanz und gutem Essen Unterhaltung fanden. Die Marienkirche (geweiht 1862), das Volksbad (1899) und zahlreiche repräsentative Wohnbauten, wie die heutige Villa Böhm, wurden in dieser Zeit errichtet.
Bankenplatz und Mäzenatentum
Ende des 19. Jahrhunderts war Neustadt Standort von acht Banken, darunter drei Privatbanken und die 1843 gegründete Stadtsparkasse. In einer der Privatbanken stieg der ehemalige Lehrling Friedrich Hetzel 1847 zum Teilhaber auf. Sein Vermögen brachte er in eine Stiftung ein, die zahlreiche karitative Projekte unterstützte. Hetzel wurde 1872 erster Ehrenbürger der Stadt und noch heute tragen ein Platz und das Krankenhaus seinen Namen. Spätestens an der Wende zum 20. Jahrhundert galt Neustadt als bedeutender Handelsplatz und beliebte Einkaufsstadt.
+++++++++++++++ Das Ausstellungsexponat sind die Neustadtader Narrenpässe+++++++++++++
Arbeiterbewegung in Neustadt
Michael Landgraf und Gerhard Wunder †
Beim Hambacher Fest 1832 spielten zwei Persönlichkeiten der späteren Arbeiterbewegung eine wichtige Rolle. Johann Philipp Becker (1809-1886) aus Frankenthal gilt als einer der Väter des Sozialismus, der später mit Karl Marx, Friedrich Engels verbunden war. Der aus Neustadt-Winzingen stammende evangelische Pfarrer Johann Heinrich Hochdörfer (1799-1851) setzte sich für die Rechte der verarmten Bevölkerung ein. Aus dem kirchlichen Dienst entlassen forderte er 1840 forderte in einem Buch u.a. Freiheitsrechte, ein Arbeitsrecht, die Beschränkung der Arbeitszeit, staatliche Mindestlöhne und die Verstaatlichung von Produktion und Handel.
Die Neustadter Ereignisse während der Revolution 1848-1849 kommentierte Friedrich Engels, dass hier statt „schwerfälliger, pedantischer altbayrischer Bierseelen“ nun „fidele pfälzische Schoppenstecher“ regieren würden.
Am 14. Juni 1848 wurde in Neustadt der erste Arbeiterverein der Pfalz ins Leben gerufen. Ihm stand der Uhrmacher Joseph Valentin Weber (1815-1895) vor, der im Frühjahr 1849 mit Heinrich Loose die Arbeiter-Zeitung „Der Pfälzer Volksmann“ herausgab. Darin wurden eine „demokratisch-soziale Republik“ gefordert und die Leserschaft als „Social-Demokraten“ angesprochen, einem der ältesten Belege für diesen Begriff überhaupt. Der Neustadter Arbeiterverein von 1848 schloss sich mit 598 Mitgliedern der „Allgemeine Deutsche Arbeiter-Verbrüderung“ an und bildete zusätzlich einen Arbeiter-Gesangs- und einen Bildungsverein. Weber floh am Ende der Revolution 1849 nach England.
In Deutschland formierte sich 1863 der Allgemeine Deutsche Arbeiter-Verein um Ferdinand Lassalle. Der besuchte 1864 Neustadt und ernannte Webers Sohn Wilhelm zum Vorsitzenden einer Ortsgruppe. Auch ein Bildungsverein für Arbeiter entstand, doch lösten sich beide wieder auf. Nach der Gründung der Socialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) unter August Bebel in Eisenach 1869 gab es einen Richtungsstreit zwischen Anhängern Lassalles und den „Eisenachern“. Der eskalierte 1873 auch bei einer Arbeiterversammlung in Neustadt. Im selben Jahr kandidierte erstmals ein Vertreter eines „Arbeitervereins“ bei der Neustadter Gemeindewahl. 1874 entstand die erste Gewerkschaft in Neustadt (Schumacher).
1875 durften „politische Vereine“ von Behörden überwacht werden. Laut Überwachungsakten gab es Ende Januar 1875 zwei Arbeiterversammlungen. Diese führten zur Gründung eines Ortsvereins Neustadt der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) am Sonntag, den 14. Februar 1875 in der Gaststätte „Zum Rathaus“ (Rathausstraße 11). Dessen Mitglieder waren Arbeiter in Fabriken und in der Landwirtschaft, die meist nicht aus Neustadt stammten, mit einer Sechs-Tagewoche, bis zu 14 Stunden Arbeit täglich, ohne bezahlten Urlaub. Der Lohn lag unter dem Existenzminimum, sodass Frauen und Kinder mitarbeiten mussten. Im damals komplizierten Wahlrecht durften viele der Wanderarbeiter nicht an Wahlen teilnehmen. Frauen erhielten das passive und aktive Wahlrecht erst 1919. Der großen Armut unter der Arbeiterschaft stand der seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Neustadt offen zur Schau getragene Wohlstand gegenüber. Symbole dieses Wohlstandes sind die prunkvollen Villen in der Maximilian- und in der Villenstraße.
Neustadt - Der pfälzische Verkehrsknotenpunkt
Werner Schreiner
Die Lage der Stadt am Rande des auch Vogesen genannten Haardtgebirges prägte die Entwicklung der Straßen und Wege: Von Neustadt in Richtung Oggersheim führte eine Straße in die Rheinebene, entlang des Gebirges ging es in Richtung Straßburg/Strasbourg. Die Wege durch das Hochspeyerbachtal in Richtung Westen waren kaum ausgebaut.
Seit 1816 gehörte die Pfalz zu Bayern; die ersten Überlegungen zum Bau von Eisenbahnen ließen das linksrheinische Rheinufer außen vor. Lediglich eine Linie Mainz – Straßburg kam aus historischen Gründen ins Gespräch. Dafür rückten Überlegungen die Kohlegruben des preußischen Saarbereiches und der Westpfalz per Bahn an den Rhein und seine Transportmöglichkeiten anzuschließen in den Vordergrund. Natürlich wollten Landau, Dürkheim und Neustadt sowie insbesondere die Kreishauptstadt Speyer an diese West-Ost-Linie angeschlossen werden.
Die Untersuchungen der Fachleute, Geländeverhältnisse und Wasserläufe berücksichtigend, schlugen letztlich der Staatsregierung in München eine Trasse von der Saar über Homburg und Kaiserslautern durch das Neustadter Tal vor. Von Neustadt aus sollte die Bahn direkt zur Rheinschanze führen – die Kreishauptstadt Speyer erhielt einen Zweiganschluss von Schifferstadt aus.
Rund 3 Jahre dauerten die Bauarbeiten, bei denen erstmals in deutschen Landen ein Mittelgebirge und eine Wasserscheide durch den Bau von 12 Tunneln durchquert wurden. Der zuständige Bauingenieur Paul Camille Denis konnte, nachdem sich nicht genügend Firmen für die Bauarbeiten fanden, einen großen Teil der Arbeiten in Eigenregie durchführen lassen, wobei die Fürsorge für die Arbeitskräfte, nämlich Versorgung und Unterkunft ihm am Herzen lagen.
Noch waren die Arbeiten an der Pfälzischen Ludwigsbahn nicht abgeschlossen, als Denis – später Baudirektor aller pfälzischen Bahnen – von Neustadt aus das nächste Projekt organisatorisch in Angriff nahm, den Bau einer Eisenbahn von Neustadt nach Straßburg. Die Revolutionen von 1848/49 und der Staatsstreich in Frankreich von 1851 verzögerten insgesamt den Baustart für diese später "Maximiliansbahn" genannte Strecke, die am 26. November 1855 durchgehend in Betrieb ging. Von Mainz kommend fuhren die Züge durch die Pfalz ins Elsass und später weiter in die Schweiz und nach Italien.
Um diesen Nord-Süd-Reiseweg zu sichern, suchte die Pfälzische Bahndirektion von Hochspeyer aus via des Alsenztales einen Anschluss an die im Rheintal verlaufende Bahn, was auch gelang. Es entstanden europäische Verbindungen von Holland nach Italien. Neustadt war Teil des europäischen Fernverkehrs. Aus dieser Epoche stammt auch das Gebäude des Neustadter Hauptbahnhofes. Am 6. Mai 1865 wurde die lokale Linie von Neustadt nach Dürkheim in Betrieb genommen. Neustadt wurde zum Verkehrsknotenpunkt. Die Weiterführung dieser Linie via Rheinhessen bis ins Rheintal nach Bingen konnte ihr keinen Bedeutungszuwachs bringen. Sie blieb von regionaler Bedeutung. Paul Camille von Denis konnte noch den Brückenschlag der Ludwigsbahn ins badische Mannheim vorbereiten.
Neustadt entwickelte sich durch den Bau des Gäubähnels (Betrieb ab 1905/08) nach Speyer und der Oberlandbahn (Betrieb 1912) nach Landau sowie durch den seit 1925 durch private Unternehmer eingeführten Busverkehr zu einem herausragenden Verkehrsknoten. Die Attraktivität ist durch den 1994 eingeführten Rheinland-Pfalz-Takt und den Bau des Haltepunktes Neustadt-Böbig (1974/1995) weiter gestiegen. Die 2024 eingeführten Buslinien haben diese Knotenfunktion weiter gestärkt. Die Pfälzische Ludwigsbahn bildet auch heute noch das Rückgrat des regionalen Verkehrsangebotes und ist Teil der Fernverkehrslinie von Frankfurt nach Paris (POS-Nord).
Die Familie Denis
Werner Schreiner
Vom Generalvikar des Bischofs von Châlons (heute: en Champagne), als höchster Forstbeamter Napoleons und dann als bayerischer Kreisforstmeister hat Pierre Denis seinen Weg nach Neustadt gefunden. Er wohnte zusammen mit seiner Familie in der Landschreibereistrasse 26, Sohn Paul Camille besuchte in Paris das Lycée Louis-le-Grand. Vater Pierre und Sohn Albert sind in der Pfalz verstorben und hier auf dem Neustadter Friedhof an der Hetzelstraße beerdigt.
Sohn Paul Camille war am 25. oder 26. Juni 1795 im Montier-en-Der geboren. Er studierte an der in Pariser École Polytechnique, wurde bayerischer Kreisbaurath bei der Regierung in Speyer und unterstützte als Mitglied des Pressvereins das Hambacher Fest. Staatlicher Verfolgung entging er durch eine Beurlaubung mit Auslandsreise, bei der er die Eisenbahn in England und Amerika studierte.
Nach Rückkehr baute er die erste Eisenbahn in deutschen Landen zwischen Nürnberg und Fürth und startete die Eisenbahnära. Später Direktor der Pfälzischen Bahnen erbaute er u.a. die Pfälzische Ludwigsbahn und die Pfälzische Maximiliansbahn. In deutschen Landen schuf er insgesamt mehr als 1000 Kilometer Eisenbahn. Seinen Lebensabend verbrachte er in Dürkheim – beerdigt ist er auf dem St. Helenenfriedhof in Strasbourg.
Familiäre Aufzeichnungen
Wolfgang Werner Krapp
„Zukunft braucht Vergangenheit“ ist das Motto des Archivs der protestantischen Landeskirche in Speyer. – Seit Menschengedenken wurde das Wissen „der Alten“ mündlich an ihre Nachkommen weitergegeben. Wer heute in die Jahre gekommen ist, hat eher selten das Gefühl, dass seine Kinder oder Enkel ihm gerne zuhören, wenn er von früher berichtet. Doch, wenn diese dann selber an der Reihe sind, stellen sich ihnen bisweilen Fragen, die dann ohne Antwort bleiben …
Darum ist jedem anzuraten, familiäre Begebenheiten, zumindest solche die von einem allgemeinen zeitgeschichtlichen Interesse sein könnten aufzuschreiben, in der Hoffnung, dass solche Aufzeichnungen von den Nachfolgenden, selbst wenn sie nicht gelesen, doch zumindest aufbewahrt werden. Irgendwann taucht immer einer auf, der aktives Interesse hat für die, die einmal vor ihm waren.
Vereinfacht lässt sich sagen, gebündelte Familiengeschichten ergeben die Ortsgeschichte und deren Zusammenfassung, letztlich die Weltgeschichte. Professionelle Historiker misstrauen Zeitzeugenberichten und neigen dazu, sich eher mit herausragenden, gut dokumentierten Ereignissen wie Schachten und Konferenzen zu befassen, wobei aber die zeittypische Lebenssituation bzw. das Lebensgefühl, wenn auch subjektiv, durch persönliche Schilderungen ausgedrückt wird.
Als Beispiel hier eine zufällig herausgegriffene Episode aus einer solchen Zusammenstellung familiärer Begebenheiten (Entnommen dem „Dochnahl“):
"1924 hat mein Vater den Führerschein gemacht. Eine Fahrprüfung fand damals hierzu nicht statt. Zur Prüfung musste er in einen ‚Blaumann springen‘ und an einem Fahrzeug einen simulierten Fehler finden und beheben. Offenbar wollte man nicht, dass massenweise liegengeblieben Fahrzeuge die Durchfahr behindern. Als Kind hat er seine erste Autofahrt 1901 erlebt, wobei das Benzin damals vorher schriftlich bei Drogerien entlang der Strecke vorbestellt werden musste, da es noch keine Tankstellen gab."
Vom „Weitblick“ damals Führender zeugt ein Zitat von Wilhelm II. aus jener Zeit „In 2-3 Jahren wird keiner mehr vom „Auto“ sprechen. Ich setze auf das Pferd!“
Es bleibt der Wunsch, dass die Gedanken der jeweils Jungen – sie sind die Alten von morgen – nicht nur um z.B. den gerade attraktivsten Sound-Player oder um die Frage kreisen, ob noch genügend Bier im Haus ist oder irgendetwas bei Aldi oder Lidl gerade billiger ist. Und so ist zu hoffen, dass sie immer jemand findet, der vorhandene familiengeschichtliche Unterlagen aufbewahrt, denn irgendwann taucht einer auf, der aktives Interesse für die Zeit, die einmal vor uns waren …
So ist jedem anzuraten sich bei „fortgeschrittenem Alter“ der kleinen Mühe zu unterziehen das, woran man sich erinnert und was von familien – und/oder zeitgeschichtlichem Interesse sein könnte, einmal aufzuschreiben. Er darf sicher sein, dass irgendwann ein Nachgeborener, selbst in die Jahre gekommen, daran Interesse finden wird! Man sollte nicht in der Vergangenheit leben, doch sollte man sich stets der Vergangenheit erinnern.
Von der "Obst- und Weinbauschule“ zum Forschungszentrum DLR Rheinpfalz
Günter Hoos
Der Geist der Gründerzeit erfasste in Neustadt auch die dominierenden Landwirtschaftszweige Weinbau und Obstbau. (Durch neue Erkenntnisse in Biologie und Chemie, durch neue Schaderreger und eine wachsende Bevölkerung in Deutschland motiviert, war es naheliegend durch Forschung und Bildung den wichtigen Sonderkulturen neue Impulse zu geben.) Der Neustadter Stadtrat beschloss daher (auf Initiative von Bürgermeister Exter) 1886 die Gründung einer Wein- und Obstbauschule, die 1899 zunächst Räume im heutigen Leibniz Gymnasium bezog. Wenige Jahre später wechselte man in das ehemalige Weingut Maucher, ein von Architekt Ludwig Levy geplanter Bau am Eingang zur Maximilianstraße.
Die nun Königliche Wein- und Obstbauschule mit dem Schweizer Direktor Zschocke zog rasch viele Schüler entlang der Haardt an, die sich in Winterkursen über modernste Methoden des Weinbaus und der Kellerwirtschaft unterrichten ließen. Gleichzeitig konnten aus eigenen Versuchstätigkeiten Impulse für höhere Erträge in Obst- und Weinbau gegeben werden. (Die Ernten wurden sicherer, die Ernährungssituation allgemein stabiler.) Zwischen den beiden Weltkriegen war die Ausbreitung der Reblaus die zentrale Herausforderung. Die clevere Methode der Pfropfung verhalf den hier gezüchteten Rebsorten und -klonen zu einer raschen Verbreitung.
Ab den 1950er erlebte die Forschung einen rasanten Aufschwung, insbesondere auf den Gebieten der Önologie und des Pflanzenschutzes. Das Bildungsangebot wurde breiter, mit einer modernen Betriebswirtschaftslehre steigerte man die unternehmerische Kompetenz der künftigen Betriebsleiter.
Als Ende der 1960er die Stadt Neustadt das Versuchsgelände im Rosengarten zur Errichtung eines Wohnstiftes erwarb, fand sich Ersatz in Mußbach. Das Land bekam von Familie Satorius den Herrenhof, sodass östlich des Ortsteils ein modernes Lehr- und Forschungsgebäude errichtet werden konnte. Ende 1983 war der Umzug abgeschlossen und der Start für eine neue Epoche gegeben. Deutschlandweit einmalig ist die dann erfolgte Eingliederung der landwirtschaftlichen Berufsschulen in eine Forschungsanstalt, ebenso die bis heute andauernden Schüleraustausche mit Macon-Davayé in Frankreich und Krems in Österreich.
Die Verschmelzung der Einrichtung mit dem für Flurbereinigungsverfahren zuständigen Kulturamt war eine der letzten Organisationsveränderungen, die auch wieder mit einer Namensänderung verbunden war. Aus der ehemals „Königlichen“ wurde das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz. Das hohe Niveau der Forschung weckte das Interesse der Hochschulen Ludwigshafen, Kaiserslautern und Bingen für einen gemeinsamen Dualen Bachelor Studiengang Weinbau und Oenologie Rheinland-Pfalz. Seit 2009 erwerben Studierende am Weincampus Neustadt Fähigkeiten zur Leitung von Unternehmen oder Mitarbeit in der Wissenschaft. Zwei englischsprachige Master Studiengänge sind dazugekommen, einer davon in Verbindung mit der Université Haute Alsace, Colmar.
Der Verein für Fraueninteressen in Neustadt an der Haardt
Hiltrud Funk
„Förderung und Hebung des weiblichen Geschlechts in geistiger, sittlicher und wirtschaftlicher Beziehung“
Bereits 1899 wurde der Pfälzische Verein für Fraueninteressen von Klara Lang aus Zweibrücken nach dem Vorbild des Münchner Vereins gegründet. Sie beklagte die mühsame und härtere Arbeit der Überzeugungsarbeit in den ländlichen Gebieten im Gegensatz zu der in den Städten. 1907 bestand der Zusammenschluss jedoch aus elf Ortsgruppen.
Sechzig Damen der gehobenen Neustadter Gesellschaft gründeten am 23.3.1900 den Verein für Fraueninteresse. Dieser unterschied sich deutlich von den konservativeren Frauenvereinigungen, die ausschließlich karitative Zwecke verfolgten. Der Verein wurde lange Jahre von Emma Geisel-Abresch (1844-1905) geleitet, einer demokratisch gesinnten Familie entstammend. Der Vater, Johann Philipp Abresch, war der Fahnenträger auf dem Hambacher Fest 1832. Der Verein wendete sich gegen die traditionelle Rollenverteilung und forderte und unterstützte eine Aufwertung der Familienarbeit, aber auch der Erwerbstätigkeit von Frauen. Die politische Gleichberechtigung zu verlangen, kam erst später in den Fokus.
Vielfältig waren die Angebote des Neustadter Vereins für Fraueninteressen, die sich auch an Proletarierinnen wendeten. Flick- und Nähschulen, Handels- und Stenografiekurse - letztere durchaus umstritten in der männlichen Geschäftswelt - aber auch zahlreiche Vorträge gehörten dazu. Ein Vortrag beschäftigte sich z.B. mit der rechtlichen Stellung der Frau.
Herauszuheben sind die Wohltätigkeitbasare. So fand 1901 im Saalbau eine Veranstaltung zugunsten der Errichtung eines Pfälzischen Lehrerinnenhauses und einer Volkskochschule mit der stolzen Einnahme von rund 19.000 Mark statt. Diese Vorhaben wurden auch realisiert. Noch umfangreicher und auch mit Unterstützung der Neustadter Geschäftswelt gestaltete sich „Die Ausstellung pfälzische Frauenarbeit“ 1903 im Saalbau, maßgeblich von Emma Geisel-Abresch und den Neustadter Frauen organisiert. Klara Lang betonte in ihrer Eröffnungsrede, „daß man es ernst meint mit der Berufstätigkeit und sie [die Frauen] zur tüchtigen Erfüllung dieser neuen Aufgaben vollwertig ausrüstet.“ Unter der Nachfolgerin von Emma Geisel-Abresch, ihrer Nichte Eugenie Abresch (1865-1955) ab 1905, prosperierte der Verein weiter. Der Verein erreichte 1910/11 eine Mädchenfortbildungsschule mit dem Ziel, eine gute Ausbildung zu erhalten.
Das Vermögen des Vereins war beträchtlich und zeugt von der erfolgreichen Akquise von Spenden und Verkäufen. Er verfügte über Besitz, so in der Landschreibereistraße 8, in der sich auch die Koch- und Haushaltschule befand.
Der Verein musste jedoch gegen 1931 über mangelnde Nachfrage klagen, die Kosten stiegen gewaltig und es ließ sich für die gealterte Eugenie Abresch keine Nachfolgerin finden. Nachdem die Stadt kein Interesse zeigte, obwohl der Verein die Volksküche betrieb, übernahm der Evangelische Frauenbund Wohnhaus und Vermögen des Vereins. Eugenie Abresch war eine der ersten Stadträtinnen Neustadts und wurde als Frauenrechtlerin mit einem Straßennamen geehrt.
Dr. med. Johann Adam Philipp Hepp
Gerhard Wunder †
Der Arzt
Philipp Hepp wurde am 26. Oktober 1797 in Kaiserslautern geboren, studierte in Würzburg Medizin und „Arztneimittelkunde“ (heute Pharmazie), promovierte dort zum „Doctor der Medizin und Chirurgie“, heiratete 1826 in Würzburg Magdalena Schlemmer, ließ sich im selben Jahr als selbständiger Arzt in Neustadt nieder, erst als Mieter Marktplatz 8 (ehemalige Vizedomei), ab 1836 in seiner neu gebauten Villa Friedrichstraße 32 (inzwischen Neubau Deutsche Bank). Seine zwei Töchter und drei Söhne wurden in Neustadt geboren. Er starb 1867 bei seiner Tochter Elisabeth verheiratete May (1829-1906).
Der Naturwissenschaftler
Hepp veröffentlichte von 1824 bis zu seinem Tod 16 Bücher und Aufsätze, die meisten über Lichenen = Flechten und sammelte sie in Herbarien, so „Die Flechten Europas“, 16 Bände in 32 Heften, Zürich 1853-1867 und dazu „Abbildungen und Beschreibung der Sporen“ in vier Heften, Zürich 1853-1867. Beide Werke sind vollständig wohl nur noch in Bern erhalten. Hepp gilt bei den Botanikern bis heute als Spitzenforscher, weshalb man zwei Arten und sieben Gattungen der Flechten nach ihm benannte. In der Pfalz war er darüber hinaus als allgemeiner Wissenschaftler anerkannt, dem man z. B. auch vorgeschichtliche Funde überließ. 1840 wurde er Mitgründer und ein Jahr später Vorsitzender des naturwissenschaftlichen Vereins „Pollichia“.
Der Politiker
Heute bekannt ist Hepp hauptsächlich als „Eröffnungsredner“ beim Hambacher Fest 1832, das heißt, dass er im Namen der Veranstalter die Gäste begrüßte. Seine politische Bedeutung 1848/49 ist weitaus größer. Im März 1848 gründete er den ersten „demokratischen“ Ortsverein, der als die erste politische Partei in der Pfalz gelten darf und sich schnell auf die ganze Pfalz ausdehnte. An Pfingsten 1848 besuchten Abgeordnete der Paulskirche Neustadt und die Region. Hepp hielt er die Eröffnungsrede auf dem Neustadter Bahnhofsvorplatz. 1849 wurde er in die fünfköpfige pfälzische Revolutionsregierung gewählt und verwaltete dort als „Regierungsdirektor“ das Finanzressort, war also der Finanzminister eines kleinen Landes, das sich von Bayern lösen wollte. Nach dem Scheitern der Revolution flüchtete Hepp in die Schweiz, wurde in der Pfalz in Abwesenheit zum Tod verurteilt, nach zehn Jahren aber begnadigt.