Jüdisches Leben verlischt

Stefan Schaupp

Beim Gautag der pfälzischen NSDAP in Neustadt im Juli 1932 äußerte Robert Ley, der später Chef der Deutschen Arbeitsfront werden sollte, dass die Juden die Schuld daran hätten, „daß unser Volk sich hinmorde“. Bald nach der Machtübernahme bekamen dies die Neustadter Juden zu spüren. Schon am 12. März 1933 brachte die Neustadter SA Schilder an jüdischen Geschäften an, auf denen zu lesen stand: „Deutsche, kauft nur in Deutschen (!) Geschäften!“. Der reichsweit angeordnete Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 führte dazu, dass diese „keinen Zulauf“ hatten, wie die Presse berichtete. Eine Ausstellung im Saalbau im September 1937 mit dem Titel „Volk und Rasse“ griff die Nürnberger Gesetze auf und sah Juden als „Schandfleck rassiger Entwicklung“.

Nachdem ein polnischer Jude in Paris ein tödliches Attentat auf einen deutschen Botschaftsangehörigen verübt hatte, ereignete sich am 9. November 1938 in ganz Deutschland ein antisemitisches Pogrom. Durch erheblichen Alkoholkonsum enthemmt hatten sich am späten Abend dieses Tages in Neustadt rund 25 SS-Männer versammelt. Ein Teil von ihnen zog danach zur in der Ludwigstraße gelegenen Synagoge. Sie zerstörten das Mobiliar und zündeten das Gebäude an, das beim Eintreffen der Feuerwehr weitgehend abgebrannt war.

Der andere Teil der SS-Schergen begab sich zum jüdischen Altersheim in der Karolinenstraße, in dem 83 betagte Menschen lebten. Nachdem sie viele der Bewohner misshandelt und gewaltsam aus dem Gebäude gebracht hatten, legten die Eindringlinge an mehreren Stellen Feuer. Auch hier unternahm die Feuerwehr keine ernsthaften Löschversuche, immerhin rettete sie zwei Frauen aus dem in Flammen stehenden Haus. Zwei weitere Frauen konnten nur noch tot geborgen werden, viele der Bewohner waren schwer verletzt.

Man kann sich den 20. Oktober 1940 auch in Neustadt als gewöhnlichen Tag vorstellen. In der Stadt herrschte das übliche Treiben, auf den Straßen waren viele Leute unterwegs. Haben Sie wahrgenommen, was sich abspielte? Zu sehen gab es genug. Denn an diesem Morgen wurden 23 noch in Neustadt lebende Juden sowie zwölf weitere aus Lachen, Mußbach und Geinsheim in ihren Häusern von Kriminalpolizisten verhaftet und zu einer Sammelstelle nach Ludwigshafen gebracht. Von dort erfolgte die Deportation in das Lager Gurs, einem kleinen Ort am Rande der französischen Pyrenäen. Mitnehmen durften sie nur das Allernotwendigste, dafür mussten sie ihr Vermögen einer „Auffanggesellschaft“ übereignen und die Schlüssel ihrer Wohnungen abgeben. Viele von ihnen starben in Gurs in Folge der unmenschlichen Bedingungen. Die Überlebenden wurden ab August 1942 nach Auschwitz deportiert und fanden dort den Tod. Nur ganz Wenigen gelang es, das Lager Gurs zu verlassen und in die USA zu emigrieren. Auch für die Neustadter Juden gilt der traurige Befund: „Die Überlebenden sind die Ausnahme“.

Autor: Stadtarchiv