Neustadt als Wein- und Gaustadt
Stefan Schaupp
Zum Zeitpunkt der Machtübernahme 1933 zählte Neustadt etwa 23.000 Einwohner und war damit nur die siebtgrößte Stadt der Pfalz. Dennoch befanden sich hier seit 1927 sowohl die Leitung als auch die Geschäftsstelle des NSDAP-Gaus „Rheinpfalz“. Im Jahr 1935 erwarb die Stadt auf Druck der NSDAP die Villa Böhm in der Maximilianstraße 25, die fortan Gauleiter Josef Bürckel als repräsentative Residenz diente, auch wenn 1939 Kaiserslautern zur Gauhauptstadt wurde und die Verwaltung des mittlerweile „Westmark“ genannten Gaus 1940 nach Saarbrücken wechselte.
Im Januar 1937 etablierte die „Geheime Staatspolizei“ (Gestapo) eine eigene Dienststelle in Neustadt, die in der heutigen Konrad-Adenauer-Straße 10 angesiedelt war. Im Keller des Gebäudes befand sich ein ‚Hausgefängnis‘, in dem die Häftlinge grausamen Misshandlungen ausgesetzt waren. Dort erhängte sich Ende 1941 der Tierarzt Philipp Bus, der als ehemaliger Separatist und wegen angeblich „defaitistischer Äußerungen“ in die Fänge der Gestapo geraten war. Besonders berüchtigt war auch das „verschärfte Verhör“, das vor allem bei ausländischen Zwangsarbeitern angewandt worden war. Darüber hinaus sollen im Gestapogebäude mindestens 20 Todesstrafen vollstreckt worden sein.
Schon seit 1929 fand in Neustadt das „Pfälzische Weinlesefest“ statt, als dessen Höhepunkt die Wahl der pfälzischen Weinkönigin galt. Das Fest geriet nach der Machtübernahme in den ideologischen Sog und sollte nun „im einheitlichen nationalsozialistischen Geiste“ stattfinden. Der 1933er Jahrgang erhielt den sinnigen Namen „Gleichschalter“. Die Wahl der Weinkönigin war zunächst abgeschafft, wurde aber im Jahr darauf von Bürckel wiedereingeführt.
Ganz im Zeichen der Weinstraßeneröffnung stand das Weinlesefest 1935, der Wein des Jahrgangs hieß „Rassereiner“, Hilde Köhler aus Gimmeldingen erhielt die Krone der nunmehr „Deutschen Weinkönigin“, auch wenn diese Bezeichnung erst 1937 offiziell wurde. Mit der Eröffnung der „Deutschen Weinstraße“ am 20. Oktober 1935 gelang Bürckel ein außerordentlicher Propagandaerfolg, der vor allem den Winzern zugutekommen sollte. Bereits eine Woche zuvor schrieb die Parteipresse: „Neustadt als die größte und bedeutendste Stadt an der Weinstraße und als Sitz der Gauleitung wird am kommenden Sonntag seine Ausschmückung besonders würdig vornehmen“. Seit dieser Zeit findet sich die Weinstraße auch im Namen der Stadt wieder: aus „Neustadt an der Haardt“ wurde „Neustadt an der Weinstraße“. Am 12. November 1936 erfolgte die offizielle Umbenennung.