Kunigunde Kirchner - Neustadts legendäre Retterin
Gerhard Hofmann
Kunigunde Kirchner, die Retterin von Neustadt, - kaum eine Geschichte hat die Phantasie der Menschen in unserer Stadt mehr angeregt und gab den Heimatforschern und Historikern mehr Rätsel auf, als die Legende um die heldenhafte Neustadter Jungfrau. Deren Liaison mit dem in französischen Diensten stehenden Kriegskommissar Johann Peter de Werth soll Neustadt vor der Zerstörung im sogenannten Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688 -1697) bewahrt haben.
Zu erstaunlich schien es, dass Neustadt, im Gegensatz zu den Nachbarstädten, vergleichsweise glimpflich davonkam und nicht niedergebrannt wurde. Der französische Kriegsminister Louvois hatte den Befehl ausgegeben „Brûlez le Palatinat!“. Der berüchtigte Offizier Ezéchiel de Mélac wurde auf zeitgenössischen Kupferdrucken mit Brandfackeln in den Händen dargestellt, weil er den Befehl grausam und rücksichtslos ausführte. Heute findet sich in der historischen Altstadt von Neustadt an der Weinstraße der älteste und größte Bestand an Fachwerkhäusern in der Pfalz. Dies verdankt die Stadt der Tatsache, dass sie vom Befehl zur vollständigen Zerstörung offensichtlich ausgenommen war. Die Verschonung Neustadts erklärt sich durch die französische Militärstrategie. Für den Fall eines notwendigen Rückzugs wollten die Franzosen über einen befestigten Stützpunkt am Haardtrand verfügen.
Auch wenn es sich bei der Rettung Neustadts durch Kunigunde Kirchner nur um eine schöne Legende handelt, Kunigunde hat tatsächlich gelebt. Geboren wurde sie 1671 in Heidelberg als Tochter des Archivars und Hofgerichtsrats Theobald Paul Kirchner und seiner Frau Katharina. Nachdem Theobald Paul Kirchner früh verstorben war, lebten Kunigunde und ihre Mutter in Neustadt.
Die Pfalz sah sich zu der Zeit einer Bedrohung durch den mächtigen französischen Nachbarn ausgesetzt. Kurfürst Karl I. Ludwig hatte gehofft, die Vermählung seiner Tochter Elisabeth Charlotte mit dem Bruder Ludwig XIV. würde die französischen Begehrlichkeiten abmildern. Nach dem Tod Karl Ludwigs und dessen Nachfolger Karl II. von der Pfalz erhob Ludwig XIV. aber im Namen seiner Schwägerin Ansprüche auf das pfälzische Erbe. Französische Truppen fielen 1688 in das linksrheinische Gebiet ein.
Beim Beginn des Krieges begleitete der ehemalige Landauer Stadtschultheiß Johann Peter de Werth als Kriegskommissar der französischen Armee den Generalmajor d´Huxelles nach Neustadt. In dieser Zeit soll die erste Begegnung des Kriegskommissars mit der jungen Neustadter Bürgerstochter Kunigunde stattgefunden haben. Die Liebesbande zwischen Kunigunde und Johann Peter de Werth retteten Neustadt der Legende nach vor der Zerstörung. Geschichtsschreiber und Heimatforscher schmückten die Erzählung variantenreich aus.
Kunigunde Kirchner und Johann Peter de Werth waren aber tatsächlich ein Paar. Geheiratet hatten sie allerdings erst im Jahr 1704 im pfälzischen Albersweiler, einige Jahre nach dem Ende des Krieges. 1706 trat Johann Peter de Werth in den Dienst des Landgrafen Friedrich II. von Hessen Homburg ein. In Homburg bekam das Paar zwei Kinder. 1706 kam der Sohn Joseph auf die Welt. Die 1707 geborene Tochter Friderica Sophia überlebte nur wenige Monate. De Werth starb in Homburg am 13. Januar 1708. Noch im September 1708 heiratete Kunigunde den Hofmeister Antonius Claudius de La Vallée. Sie verstarb wenige Monate nach der zweiten Eheschließung am 16. Februar 1709 und wurde in der lutherischen Kirche in Homburg beigesetzt.