Warum Hambach? Warum Neustadt?
Kristian Buchna
Deutschland und die Pfalz sind reich an mittelalterlichen Burg- und Festungsanlagen. Dennoch war es kein Zufall, dass im Jahr 1832 das große „Nationalfest der Deutschen“ auf dem Berg rund um das Hambacher Schloss sowie in Neustadt stattfand. Gleich mehrere Gründe sprachen dafür:
Im Zeitalter der Romantik wurden Ruinen vielerorts als Sehnsuchtsorte wiederentdeckt – sei es als Symbole der Vergänglichkeit oder als Erinnerungen an eine idealisierte Vergangenheit. Die am Haardtrand gelegene, weithin sichtbare Ruine des Hambacher Schlosses war ein solcher Sehnsuchtsort. Er hatte sich zudem seit Beginn des 19. Jahrhunderts als Ort politischer und festlicher Zusammenkünfte etabliert. So feierte man hier Mitte Oktober 1814 mit großen Freudenfeuern den ersten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig.
Im Zuge der politischen Neuordnung Europas nach der Niederlage Napoleon Bonapartes fiel die Pfalz 1816 als „Rheinkreis“ an das Königreich Bayern. Wohlhabende Bürger aus Neustadt ersteigerten das Schloss und die umliegenden Waldstücke jedoch im Jahr 1823 für 625 Gulden, so dass es der Öffentlichkeit zugänglich blieb. So fand 1828 auf dem Schloss der Abschluss eines großen Musikfestes statt. Und am 29. Juli 1831 kamen auf dem Schlossberg zur Erinnerung an den ersten Jahrestag der Französischen Julirevolution rund 200 Personen zusammen.
Ohnehin gab es in Neustadt ein engagiertes, liberal gesinntes Bürgertum, das sich angesichts zunehmender Zensurmaßnahmen durch die bayerische Regierung mit Nachdruck für die Pressefreiheit einsetzte. Mit 190 Mitgliedern war Neustadt eine Hochburg des „Deutschen Vaterlandsvereins zur Unterstützung der freien Presse“, der maßgeblich an der Planung und Durchführung des Hambacher Festes beteiligt war. Bewusst zog mit Philipp Jakob Siebenpfeiffer ein führender Kopf des „Pressvereins“ am 29. März 1832 nach Haardt.
Wäre es nach dem Neustadter Geschäftsmann Karl Thum gegangen, so wäre das Hambacher Fest eine von damals zahlreichen Feierlichkeiten zu Ehren der Verfassung des Königreichs Bayern von 1818 geworden – und damit sicherlich nicht in die Geschichtsbücher eingegangen. Am 18. April 1832 hatte er für den 26. Mai, dem Jahrestag der bayerischen Verfassung, zu einer Huldigungsfeier eingeladen. Doch die freiheitlich Gesinnten reagierten umgehend und letztlich erfolgreich mit einer Umwidmung jener geplanten Feier: Bereits am 20. April 1832 erging aus der Feder Siebenpfeiffers eine breit gestreute Einladung zu einem „Fest der Hoffnung“, das am 27. Mai 1832 auf dem Hambacher Schloss stattfinden sollte. Als Ziele wurden die „Abschüttelung innerer und äußerer Gewalt“ sowie die „Erstrebung gesetzlicher Freiheit und deutscher Nationalwürde“ ausgegeben.
Unterzeichnet wurde die Einladung von 32 Bürgern aus Neustadt und Umgebung. Zu ihnen gehörte der spätere Fahnenträger Johann Philipp Abresch sowie der Buchhändler und Verleger Philipp Christmann, in dessen Buchhandlung am Marktplatz (Scheffelhaus) man neben Liedblättern für den Festzug zum Schloss auch schwarz-rot-goldene Kokarden erwerben konnte. Sie stehen beispielhaft für ein politisches Engagement, ohne das die Organisation und Umsetzung des Hambacher Festes nicht möglich gewesen wäre