Narrenpässe
Pässe aus den Jahren 1858, 1885, 1889 und 1897, Farblithografie auf Karton
Die Narrenpässe fungierten als Eintrittskarte für die karnevalistischen Veranstaltungen des 1840 gegründeten Neustadter Karnevalvereins. Die Pässe mussten käuflich erworben werden, man hat sie an einem Band um den Hals getragen. Auf der Vorderseite wird das alljährliche Neustadter Stadtgeschehen „auf die Schippe genommen“. Die kunstvoll gestalteten Narrenpässe stellen wertvolle Dokumente zur Stadtgeschichte dar.
Der älteste erhaltene Neustadter Narrenpass aus dem Jahr 1858
Gerhard Hofmann
Wie im Brevier für die Kampagne 1990/91 anlässlich des 150jährigen Bestehens des Neustadter Karnevalsvereins 1840 e.V. berichtet wird, liegen die Anfänge der Neustadter Fastnacht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zur Zeit des Hambacher Fests fanden karnevalistische Veranstaltungen im damaligen Schießhaus am Viehberg statt und dienten auch politischen Zwecken.
Im Jahre 1840 wurde auf Initiative des 20-jährigen Gutsbesitzersohns Johann Goswin Tischleder aus der Hintergasse die Neustadter Karnevalsgesellschaft gegründet. Spätestens nach dem frühen Tod Tischleders im Jahr 1845 war es schon wieder vorbei mit den ersten organisierten Kampagnen. Die politischen Verhältnisse werden auch ihren Teil dazu beigetragen haben. Nach dem Hambacher Fest war selbst närrisch verpackte Kritik an den herrschenden Zuständen nicht erwünscht. Die Aktivitäten wurden 1857 wiederaufgenommen und im Jahr 1858 wurde zur Fastnacht ein Laienspiel zur „Belagerung von Neustadt durch die Franzosen und die damit verknüpfte Rettung durch Kunigunde Kirchner“ aufgeführt.
Eine Besonderheit der Neustadter Fastnacht sind die aufwändig gestalteten Narrenpässe. Der erste Narrenpass wurde 1842 ausgegeben. Leider sind keine Exemplare aus den ersten Jahren erhalten. Der älteste erhaltene Narrenpass stammt aus dem Jahr 1858. Die Pässe dienten als Eintrittskarte für die von der Narrengesellschaft veranstalteten Bälle und sonstige Veranstaltungen und wurden an einem Band um den Hals getragen. Bei den Narrenpässen späterer Jahrgänge war rückseitig ein Auszug aus den Statuten der Narrengesellschaft abgedruckt. Darin war festgelegt, welcher Personenkreis Zutritt zu den Karnevalsveranstaltungen hatte.
Der Narrenpass des Jahres 1858 wurde aufwändig im lithografischen Verfahren gedruckt. Abgebildet sind drei Männer, die bei einem grotesken Treiben beobachtet werden können. Prinz Karneval mit dem Narrenzepter in der rechten Hand sitzt auf dem Rücken eines Bürgers und benutzt diesen als Kutschgefährt. Mit der linken Hand zieht er am Zopf des zweiten Mannes und lenkt ihn wie ein Pferd an einem Zügel. Mit Zipfelmütze und Schlafrock ist der zweite Mann als deutscher Michel charakterisiert. Der Karnevalsprinz hat sichtbaren Spaß daran, die beiden braven Bürger zu piesacken und anzutreiben.
Die Figur des Karnevalsprinzen ist gleichzeitig ein Porträt des als Winterkönig verspotteten Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz (1596-1632). Er trägt einen Spitzenkragen und Spitzenmanschetten und einen mit Hermelin gefütterten Mantel. Am Knie ist der Hosenbandorden zu erkennen, den Friedrich vor seiner Hochzeit mit der englischen Königstochter Elisabeth Stuart erhalten hatte. Der Narrenpass spielt damit an auf eine 1624 in Meisners Schatzkästlein erschienene Stadtansicht von Neustadt. Radiert wurde das Blatt von Matthäus Merian. Vor der Ansicht der Stadt steht ebenfalls Kurfürst Friedrich V. mit dem Hosenbandorden und der böhmischen Königskrone in der Hand. Die Wahl Friedrich V. zum Böhmischen König und seine Krönung in Prag 1619 stehen folgenschwer am Anfang des 30-jährigen Krieges.
Dekorativ umrankt ist die Szenerie auf dem Narrenpass mit Weinreben und Trauben, gekrönt von einem umkränzten und auf das Jahr 1858 datierten Becher und einer Schriftbanderole. Ganz klein im Hintergrund an der Horizontlinie sind die Türme der Stiftskirche zu erkennen. Der Zeichner des Narrenpasses ist C. Mayer, der um die gleiche Zeit auch eine Ansicht von Neustadt in der Vogelperspektive lithografiert hat.
Narrenpässe - Persiflage des Neustadter Stadtgeschehens
Bärbel Hanemann
Die Motive der Neustadter Narrenpässe sind vielfältig. Sie erzählen auf humorvolle Weise Episoden aus dem Neustadter Stadtgeschehen. Themen, über die sich die Bürger aufregten, Ärgernisse in puncto Stadtverwaltung, Saalbau, Schlachthof oder Badeanstalt, alles wurde angeprangert. Die Pässe stellen wertvolle Dokumente zur Neustadter Stadtgeschichte dar.
Die Einführung der Narrenpässe lässt sich auf Johann Casimir „Goswin“ Tischleder zurückführen. Er gründete 1840 den Neustadter Karnevalverein. Den ersten Narrenpass gab es wohl 1842. Tischleder starb 1845 im jungen Alter – die organisierte Fastnacht in Neustadt pausierte bis zum Jahr 1857. Der älteste noch erhaltene Neustadter Narrenpass stammt von 1858. Sogar das Band, um ihn um den Hals zu tragen, ist noch im Original vorhanden. Narrenpässe sind Mitgliedsausweis und zugleich Eintrittskarte zu den karnevalistischen Veranstaltungen. Sie mussten von den Mitgliedern erworben werden, auf der Rückseite des Passes ist der Name des Besitzers eingetragen.
Die Erbauung eines Wasserturmes, die Umgestaltung der Stadtmühle in eine Duschanstalt, die gerade aufkommende elektrische Straßenbeleuchtung, die Einrichtung eines Badeweihers im Neustadter Tal, all diese Themen wurden auf den Neustadter Narrenpässen aufgegriffen.
Der älteste erhaltene Pass stammt aus dem Jahr 1858, der letzte Pass ist von 1931. Er steht unter dem Motto: "Liebet eure Feinde". In diesem Jahr hat man nur den Rosenmontagsball abgehalten - der Reinerlös kam der Winterhilfe zu. Die mageren Jahre waren nun auch im Karneval angebrochen!
Narrenpass von 1885:Neustadt und Winzingen – zwei eigenständigen Gemeinden
Auf dem Pass von 1885 sind die beiden Gemeinden Winzingen und Neustadt einander gegenübergestellt: Winzingen hat die Grenze zu Neustadt durch einen Schlagbaum abgesperrt. Über Neustadt hält ein Beamter das leere Geldkörbchen und eine Schriftrolle mit dem Aufdruck „Gemeindeumlage 175%“ – darunter abgebildet das teure Neustadter „Asphalt Pflaster“. Auf der Gegenseite neckt ein Narr und zeigt nach unten, wo die Winzinger sorglos in ihren Betten schlummern. Ihre „Gemeinde Casse“ steht zwar auf ungepflastertem Boden, ist aber gut gefüllt. Im Jahr 1884 reiste eine Kommission nach München, um wegen einer Eingemeindung von Winzingen vorzusprechen. Erst 1891 erfolgte die ministerielle Genehmigung zur Eingemeindung von Winzingen, was am 1. Januar 1892 vollzogen wurde.
1897: Narrenpass in Form einer elektrischen Bogenlampe
Der Narrenpass hat die Form einer elektrischen Bogenlampe. Im Februar 1896 gab Bürgermeister Friedrich Exter bekannt, dass der Vertrag zur Strombelieferung abgeschlossen wurde. 1897 erhielt die Stadt elektrische Straßenbeleuchtung. Im Oktober 1896 nahm Exter mit der Nürnberger „Continentalen Gesellschaft für elektrische Unternehmungen“ wegen dem Bau einer Straßenbahn Kontakt auf – das Vorhaben wurde nicht realisiert. Erst 1913 erfolgte die Eröffnung der Pfälzischen Oberlandbahn („die Schneck“).
Im November 1896 beschloss der Stadtrat, in Neustadt eine Obst- und Weinbauschule zu eröffnen. 1899 konnte die „Königliche Wein- und Obstbauschule“ in der Maximilianstraße eingeweiht werden. ImAugust 1896 hatte man den neuen Schlacht- und Viehhof fertig gestellt. Am 9. Januar 1897 gründete man die „Gesellschaft zur Errichtung eines städtischen Volksbades“, es eröffnete am 19. Juli 1899 als erstes Hallenbad in der Pfalz.
Narrenpass von 1889 – Schulgebäude mit Höhenlage
Auf dem Narrenpass von 1889 zeigt das geplante Realschulgebäude auf dem Nollen. Über eine Feuerwehrleiter klettern Kinder zum Schulhaus hinauf. Andere springen herunter und werden von Feuerwehrleuten mit dem Sprungtuch aufgefangen. Hier wird Kritik am Standort des Schulgebäudes geübt – der Bau sollte Höhenlage bekommen! 1892 erfolgte die Einweihung der Realschule am „Nollenhang“ (heutiges Leibniz-Gymnasium).
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