Gebetbuch mit persönlicher Widmung des Pfalzgrafenpaares
Ledereinband, Goldschnitt, gedruckt von Hans Wolrab (Bautzen) und Valentin Geißler (Nürnberg), zwischen 1569 und 1571
Zwei unterschiedliche Gebetbücher sind hier zusammengebunden. Aufgrund der lutherischen Ausrichtung wird das Buch wohl von Elisabeth von Sachsen genutzt worden sein. Es enthält auf der ersten Seite eine persönliche Widmung aus dem Jahr 1571. Sie bezeugt die gegenseitige Zuneigung des Paares. In der Ehe des calvinistischen Pfalzgrafen Johann Casimir (1543-1592) mit der lutherischen Prinzessin Elisabeth von Sachsen (1552-1590) gab es auch religiöse Differenzen. 1589 ließ Johann Casimir seine Frau verhaften – sie starb in Gefangenschaft.
Gebetbuch der Elisabeth von Sachsen (1552 - 1590) und Johann Casimirs (1543 - 1592)
Michael Landgraf
Das Gebetbuch besteht aus zwei Büchern, die erst später zusammengebunden wurden.
Das erste Buch (erster Teil des Gebetsbuchs) stammt aus Budissin (Bautzen) und weist den Druckerverleger Johann/Hans Wolrab (?-1591/1592) aus, der zwischen 1558 und 1591 theologische Literatur, Gesangs- und Gebetsbücher produzierte, u.a. das Wendische Gesangsbuch als erstes Buch in sorbischer Sprache. Das Buch legt unter anderem das Vaterunser durch vertiefende Gebete aus.
Der zweite Teil des Gebetsbuchs stammt aus der Werkstatt des Druckerverlegers Valentin Geißler (1538-1595) in Nürnberg. Es ist ein Nachdruck des Betbüchleins von Dr. Andreas Musculus (1514-1581). Der Reformator lutherischer Prägung studierte 1538 in Wittenberg bei Martin Luther und Philipp Melanchthon. Als Professor für Theologie in Frankfurt (Oder) gehörte er nach Luthers Tod (1546) dem konservativen Flügel der Lutheraner (Gnesio-Lutheraner) an. Er griff scharf gemäßigte Lutheraner wie Philipp Melanchthon und besonders Anhänger von Johannes Calvin an, wozu auch die Reformierten in der Kurpfalz zählten. Er gilt als ein Hauptverantwortlicher der Konkordienformel (Formula Concordiae) von 1577, in der sich die Lutheraner gegen Katholiken und Reformierte zusammenschlossen. Zacharias Ursinus schrieb von Neustadt aus als erster gegen diese Einigungsschrift und suchte vergeblich, die Spaltung der Protestanten aufzuhalten.
Das Betbüchlein von Musculus wurde erstmals 1559 aufgelegt, die vorliegende Version von 1569 sei laut Titel „gemehret und gebessert“. Darin finden sich Gebete an den dreieinigen Gott, solche für bestimmte Tageszeit, für den rechten Lebenswandel, Gebete in Widerwärtigkeit und Anfechtung sowie „ein Gebet zu Christo um einen seligen Abschied aus diesem betrübten und elenden Leben“. Im Betbüchlein werden Meditationen, die an Augustin und andere Kirchenväter angelehnt sind, für den lutherischen Haushalt aufbereitet. Später nutzten Musiker wie Heinrich Schütz und Dietrich Buxtehude Texte daraus als Basis für Kirchenlieder.
Im Gebetsbuch liegt lose ein Autograf von Elisabeth und Johann Casimir. Widmungsblatt von 1571. Papier, Rissspuren, Wurmlöcher und Tintenspuren lassen darauf schließen, dass der Autograf und das Buch zusammengehören. Die Ehe von Pfalzgraf Johann Casimir und Elisabeth von Sachsen wurde während dem Speyerer Reichstag 1570 in Heidelberg geschlossen. Der Autograf zeigt die anfänglich innige Verbundenheit der Beiden.
Eine längere Nutzung durch den Reformierten Johann Casimir ist unwahrscheinlich, da es untypisch ist für deren Glaubensgrundsätze. Zudem war Musculus als ausgesprochener Gegner der Reformierten bekannt. Die Reformierten fixierten sich allein auf die Bibel und biblische Gebete (= Psalmen). Sie schafften in dieser Zeit traditionelle Kirchenlieder ab und verwendeten stattdessen eine Vertonung der 150 biblischen Psalmen durch Ambrosius Lobwasser, beigebunden als Anhang in Neustadter Bibeln (drei im Bibelmuseum Neustadt). Die aufsehenerregende Ehekrise, bei der Johann Casimir seine Frau 1589 verhaften ließ, hatte wohl vornehmlich konfessionelle Differenzen als Ursache. Diese dürften sich ab dem Tod des Kurfürsten Friedrich III. 1576 unter der Herrschaft von Johann Casimirs streng lutherischen Bruder, Kurfürst Ludwig VI., zugespitzt haben.
Der Autograf im Gebetbuch der Elisabeth von Sachsen (1552 - 1590) und Johann Casimirs (1543 - 1592)
Andreas Kuhn und Gabriele Stüber
15 * E[lisabeth] * 71
gott Weis Die Zeitt
h[err] Johan Casimir Pfaltzgraf [et ceter]a
Dein getreuer schats weil [ich lebe] Joh[ann] El[isa]be[th] [manu propria]
15 * I[ohan] C[asimir] * 71
regir mich herr durch deinen geist
Elisabeth pfaltzgreffin [et cetera] meines
herren trewe gemahl weil ich lebe
Gott weiß die Zeit = ältere Devise Johann Casimirs, belegt 1567 in seinem Stammbuch. Seine spätere Devise war „Constanter et sincere“, belegt 27.5.1577 auf Architrav des Ehrentors anlässlich Johann Casimirs Einzug in Frankenthal.
Regier mich, Herr, durch deinen Geist = Devise Elisabeths, belegt 1583 auf Wappen Elisabeths als Sigle "RMHDDG"
Pfalzgräfin Elisabeth [von Pfalz-Lautern; geb. Herzogin von Sachsen] (1552-1590, 1583), (W); weil = solange
Beide Eheleute versichern sich eigenhändig (Autographen) ihrer Liebe und lebenslangen Treue. Durch die mehrfache Verschränkung der jeweils einer Person zuzuordnenden Textteile (Monogramm, Devise, Name und Titel, Liebesbekenntnis) wird die Einheit und Verbundenheit der Ehepartner betont. Das "manupropria" lässt auf einen rechtsverbindlichen Überlieferungszusammenhang schließen.
Angesichts der glücklichen Genesung Elisabeths von ernsthafter Krankheit im Sommer 1571 könnte man eine Stiftung denken, die das Blatt einst einleitete.
Die beiden zusammengebundenen Gebetbücher sind im ausführlichen Bücherverzeichnis Elisabeths um 1576 nicht aufgeführt. Das lässt die Frage offen, ob sie 1571 in ihrem Besitz waren.
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