Ohne Neustadter Bürger kein Hambacher Fest

Lutz Frisch

Im Frühjahr 1832 planten Neustadter Bürger für den 26. Mai ein Verfassungsfest. Philipp Jakob Siebenpfeiffer, der Ende März nach Haardt gezogen war, schlug stattdessen ein
„Nationalfest“ am 27. Mai vor. Damit sollte ein Forum für das liberale Gedankengut geschaffen werden, dessen Verbreitung die Regierung durch Verbote verhinderte. Die Einladung mit dem Titel „Der Deutschen Mai“ verfasste Siebenpfeiffer am 20. April; sie wurde von 32 „Festordnern“ unterzeichnet, von denen 29 in Neustadt oder heute eingemeindeten Ortsteilen lebten. Die meisten gehörten zu den 189 Mitgliedern der Neustadter Filiale des „Preßvereins“. Sie unterstützten durch monatliche Beiträge die vom Druckverbot der Regierung betroffenen Journalisten wie Siebenpfeiffer und Wirth.

Als erste Maßnahme ließen die Festordner den Weg von Oberhambach zum Schloss verbreitern und das Schlossgelände von Schutt und Wildwuchs befreien. 1823 war das Schloss mit umliegendem Gelände auf dem Weg einer Versteigerung in das Privateigentum von 14 Neustadter Bürgern gelangt.

Der Auflage, es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, kamen sie mit ihrer Zustimmung zu dem geplanten Fest nach. Völlig überraschend verbot die Regierung am 9. Mai 1832 das geplante Fest als „seditiös und gesetzwidrig“. Dagegen erhob sich Widerstand in der ganzen Pfalz. In Neustadt protestierten Festordner, Stadtrat und Bürgermeister Ludwig Dacqué gegen das Verbot. Sie wollten für die Einhaltung von Sicherheit und Ordnung sorgen. Unter diesem Druck lenkte die Regierung am 17. Mai ein. Damit blieben aber nur noch 10 Tage für die Vorbereitung des Festes.

Für den Folgetag berief Bürgermeister Dacqué eine Sondersitzung des Stadtrats ein. Die Ratsmitglieder selbst übernahmen Aufgaben wie Absprachen mit den Festordnern, die Stallwache im Rathaus und die Erfassung von Privatquartieren. Es wurden aber auch Bürger und Gruppierungen einbezogen: die 40 Mitglieder der bestehenden Sicherheitsgarde, die 5 Inhaber von Tanzsälen und alle Handwerksmeister, die auf ihre Gesellen einwirken sollten. Namentlich benannt wurden 36 Aufseher (plus 4 Vertreter) für Zug und Feier und 153 Männer (plus 48 Vertreter), die an den Festtagen als „Bürgergarde“ die Stadt sichern sollten. Alle Maßnahmen zielten auf die Bewahrung von Sicherheit und Ordnung.

Die Festordner mussten den Festzug und die Feier auf dem Schlossgelände detailliert planen: Start am Neustadter Marktplatz, Uhrzeit, Reihenfolge der Gruppen, Musikbegleitung sowie Geschützdonner beim Abmarsch und beim Eintreffen auf dem Schloss. Liedertexte und dreifarbige Kokarden bot der Festordner Philipp Christmann in seiner Buchhandlung am Marktplatz an (heute Scheffelhaus). Auf dem Schlossberg galt es, Tische und Bänke für das Mittagsmahl von 1400 Besuchern zu errichten; Bons für die Speisen mussten verkauft und die Lieferung durch Neustadter Wirte organisiert werden. Für die vielen anderen Besucher wurden Buden, Garküchen und Ausschankstellen etabliert. Für Redner wurde eigens eine Bühne gebaut; vier Festordner regelten die Abfolge der Reden, die von Trompetensignalen zweier junger Neustadter angekündigt wurden. Vier Neustadter kamen beim Fest zu Wort, zwei weitere bei der Rückgabe der Fahnen in der Stadt.

 

Beim Hambacher Fest engagierte sich ein Großteil der rund tausend männlichen Neustadter Bürger. Einzeln und in Gruppierungen mobilisierten sie alle Kräfte. Es handelte sich um eine frühe Bürgerinitiative. Ohne sie hätte es das Hambacher Fest nicht gegeben.

Autor: Stadtarchiv