3 Sanierungsgebiet Turmstraße

Dieses Innenstadtgebiet war negativ geprägt durch eine enge, zwei- bis dreigeschossige fast geschlossene Wohnbebauung; ein Großteil der Gebäude war baufällig. Die hygienischen bzw. sanitären Bedingungen waren schlecht, die Belüftung und Belichtung waren stark eingeschränkt; die Bewohner dieses Stadtteils waren zum Teil den negativen Einflüssen ausgesetzt, die der offenen Lauf des Speyerbachs mit sich brachte. Heute nicht mehr vorstellbare Gerüche, Verschmutzungen und Ungeziefer ließen einen weiteren Verfall dieses Stadtgebietes erahnen.

Diese städtebaulichen Missstände sollten im Rahmen der Sanierung nachhaltig behoben werden. Daher wurde in diesem Gebiet eine Flächensanierung durchgeführt mit dem Ziel, den Nordwestteil der Altstadt wirtschaftlich erheblich aufzuwerten.

Nach dem großflächigen Abriss der Altbausubstanz insbesondere in den 80er Jahren wurde der Weg für eine den damaligen Bedürfnissen entsprechende Neubebauung freigemacht. Auf einer Fläche von rd. 7.000,00 wurde ein Einkaufszentrum mit zwei Parkdecks für 240 Stellplätze errichtet sowie ein Gebäudekomplex für Büro- und Gewerbeflächen, das sogenannte Palatia-Haus, geschaffen.

Das Palatia-Haus im Architekturstil der 70er Jahre ist ein prägendes Baudenkmal seiner Zeit und wurde 1975 mit dem Architekturpreis der Architektenkammer Rheinland-Pfalz ausgezeichnet.

Die umgebenden Straßen hat die Stadt Neustadt an der Weinstraße als Geschäftsstraßen und Fußgängerzonen ausgebaut. Auf dem neu konzipierten Kartoffelmarkt, einem Platz in unmittelbarer Nachbarschaft zur historischen Stiftskirche, wurde mit dem Paradiesbrunnen ein biblisches Thema aufgegriffen und somit ein gelungenes Bindeglied zur vorhandenen Architektur geschaffen.

Im Norden des Sanierungsgebietes wurde der Wernigeröder Platz als eine Maßnahme zur Wohnumfeldverbesserung errichtet. Der Kuby’sche Hof, jetzt Steinhäuser Hof, gegenüber dem Rathaus wurde als Gebäudeensemble aus mehreren Jahrhunderten aufwendig saniert.

Im Einzelnen:

Palatia-Haus

Das Palatia-Haus hat kleinteilig gegliederte Baumassen, die sich der Kleinteiligkeit der Architektur der Nachbarbebauung anpassen. Auch das Aufgreifen der Trauflinie an der Hauptstraße bei zurückliegendem Dach zeigt den Respekt vor der historisch gewachsenen Bebauung. Zur Stiftskirche hin staffeln sich die Baumassen und bieten so dem unbestrittenen architektonischen Höhepunkt der Stadt einen gewissen Gegenpart.

Insgesamt wurde mit der Bebauung entlang der Turmstraße (gegenüber dem ehemaligen Karstadt- bzw.Hertie-Gebäude) versucht, die historisch kleinteilige und niedrige Bebauung nachzuempfinden. Das gilt natürlich stets vor dem Hintergrund der Bauaufgabe eines Wohn- und Geschäftshauses in der Innenstadt.

 

 

Kartoffelmarkt mit Paradiesbrunnen

Der Platz konnte bereits 1974 fertig gestellt werden. Er fügt sich nahtlos in die ihn umgebende teils neu errichtete, teils historische Gebäudekulisse ein. Es erweckt den Anschein, als hätten verschiedene Bauepochen an ihm gewirkt. Der Paradiesbrunnen des Neustadter Künstlers Professor Gernot Rumpf am westlichen Platzende spielt – in ummittelbarer Nähe zur Stiftskirche – mit einem biblischen Thema und fungiert auf diese Weise als Verbindung zur vorhandenen Architektur.

 

 

Kuby’scher Hof, jetzt Steinhäuser Hof

Das aus mehreren Häusern bestehende Anwesen wurde von 1985 bis 1993 saniert. Das Gotische Haus, der älteste Teil des Anwesens, ist mit einem Stufengiebel bekrönt. Untersuchungen haben ergeben, dass es um 1277 entstanden ist; somit gehört es zu den ältesten erhaltenen steinernen Patrizierhäusern in Rheinland-Pfalz. Das Ost- und Rückgebäude, das Laubenganggebäude sowie der Treppenturm ergänzen die Anlage. Das Torhaus ist von 1570 und der Westteil vermutlich aus den Jahren 1547-1587.

Das Anwesen wurde zunächst als Herberge „Zum Löwen“, später als Gasthaus „Zum Goldenen Löwen“ genutzt. Im Laufe der Zeit wurde es nach der Besitzerfamilie Kuby benannt, also Kuby’scher Hof.

Heute befindet sich das Standesamt mit einem Trauzimmer und einem Trausaal in dem Ensemble. Im hinteren Bereich des Hofes, vormals Wirtschaftsgebäude, haben sich ein Restaurant und Hotel etabliert.

Im Jahr 1993 war die Deutsche Stiftung Denkmalschutz an der Fertigstellung der Rohbauarbeiten für den zweiten Bauabschnitt beteiligt.

 

  

Wernigeröder Platz

Eine weitere Maßnahme zur Wohnumfeldverbesserung war die Neugestaltung des Wernigeröder Platzes, die ab 1990 durchgeführt wurde.

 

Fußgängerzone

Im Zusammenhang mit der Altstadtsanierung wurde die zuvor mit Kraftfahrzeugen aller Art befahrbare Hauptstraße zu einer Fußgängerzone umgebaut. Sie ist insgesamt 2km lang und zieht sich durch alle Sanierungsgebiete. Gegen großen Widerstand der Geschäftsleute wurde dem Zeitgeist Rechnung getragen und die Forderung der Einkaufwilligen, der Spaziergänger und der Touristen auf mehr Bewegungsfreiheit in der Innenstadt eingelöst.

Mit seinen Plätzen, Spielepunkten für Kinder, Brunnen und den mittelalterlichen Fachwerkhäusern sowie den entstandenen Straßencafés wurde die Fußgängerzone nach und nach zur Touristenattraktion.