Deportation nach Gurs
Viele kennen das gelbe Hinweisschild beim Saalbau in Neustadt an der Weinstraße mit der Aufschrift „Gurs 1319 km“. Aber die Wenigsten wissen, welche Geschichte dieses gelbe Schild erzählen kann.
Viele kennen das gelbe Hinweisschild am Saalbau in Neustadt an der Weinstraße mit der Aufschrift „Gurs 1319 km“. Aber die Wenigsten wissen, welche Geschichte dieses gelbe Schild erzählen kann.
Es ist die Geschichte einer Tragödie. Die Tragödie spielte sich vor mehr als 80 Jahren an vielen Orten in der Pfalz, so auch in Neustadt, ab.
Es geschah am 22. Oktober 1940. Die Nazis waren seit sieben Jahren an der Macht. Menschen jüdischen Glaubens wurden in dieser Zeit immer mehr ausgegrenzt und verfolgt.
In den Abendstunden des 22. Oktober 1940 meldeten sich uniformierte Männer der SA und der SS an den Wohnungen jüdischer Familien in Neustadt. Ihre Botschaft: „Jeder von euch hat eine Stunde Zeit, um einen Koffer zu packen. In den Koffer kommen alle Sachen, die ihr für eure lange Reise benötigt. Dann kommt ihr mit euren Koffern zum Bahnhof!“.
Heute wissen wir, dass in Neustadt und seinen Weindörfern mehr als 50 Personen betroffen waren. In sieben Sonderzügen führte die Fahrt in das südfranzösische Dorf Gurs am Fuße der Pyrenäen.
Dort standen in einem Sumpfgebiet Holzbaracken, die einst für Flüchtlinge aus Spanien errichtet wurden. Diese leerstehenden Holzbaracken waren nunmehr das neue „Zuhause“ für die mehr als 6.500 deportierten Menschen aus Baden, der Pfalz und dem Saarland. Viele dieser Menschen starben in dem Lager an Hunger und Krankheiten. Und wer diese furchtbare Zeit überlebte, wurde 1942 mit Sonderzügen in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nur wenige Menschen haben diese „Hölle von Gurs“ überlebt.
(Eberhard Dittus, im Juni 2021)
Quellen- und Literaturangaben:
- Pfälzer Juden und ihre Deportation nach Gurs, Schicksale zwischen 1940 und 1945, Roland Paul, Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern 2017
- Volksgemeinschaft in der Gauhauptstadt, Neustadt an der Weinstraße und der Nationalsozialismus, Markus Raasch (Hrsg.), Aschendorff Verlag, Münster 2020
- Archiv der Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt e.V, Eberhard Dittus, Quartier Hornbach 13 a/b, 67433 Neustadt/W., info@gedenkstaette-neustadt.de, www.gedenkstaette-neustadt.de
Aus Neustadt und seinen Weindörfern am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden:
Ludwig Benedic, starb 1941 in Gurs
Max Bloch, starb 1942 in Gurs
Rosa Bloch, geb. Mayer, emigrierte nach Südamerika
Adolph Bohrmann, überlebte, emigrierte in die USA
Melanie Bohrmann, geb. Haas, emigrierte in die USA
Elias Elikann, starb 1941 im Lager Récébédou
Ottilie Elikann, geb. Wachenheimer, kam 1942 nach Auschwitz
Betty Grünebaum, geb. Löb, kam 1942 nach Auschwitz
Georg Goldner, emigrierte in die USA
Gunda Goldner, geb. Selinger, starb 1940 in Gurs
Ernst Haas, kam 1942 nach Auschwitz
Gustav Hammel, starb 1940 in Gurs
Mathilde Henle, geb. Schlüsselblum, starb 1940 in Gurs
Mathilde Herrmann, starb 1942 im Lager Noé
Alfred Kern, starb 1940 in Gurs
Ernst Kern, kam 1942 nach Auschwitz
Ferdinand Kern, starb 1940 in Gurs
Helene Kern, geb. Mayer, emigrierte in die USA
Theodor Klein, starb 1942 im Lager Récébédou
Klara Klein, geb. Michel, kam 1944 nach Auschwitz
Herbert Klein, starb 1942 im Lager Récébédou
Elfriede Henriette Klein, kam 1944 nach Auschwitz
Johanna Kohlmann, geb. Alexander, kam 1942 nach Auschwitz
Julius Kohlmann, kam 1942 nach Auschwitz
Joseph Robert Kuhn, überlebte in Frankreich
Marie L. Kuhn, geb. Wolff, starb 1941 im Lager Récébédou
Emma Lehmann, geb. Freundlich, kam 1942 nach Auschwitz
Julius Karl Lehmann, kam 1942 nach Auschwitz
Rosa Levi, geb. Adler, starb 1944 in Masseube
Henriette Loeb, kam 1942 nach Auschwitz
Natalie Löb, geb. Behr, starb 1941 in Gurs
Elias Mane, starb 1943 in Gurs
Hilda Mane, kam 1942 nach Auschwitz
Isidor Mane, starb 1941 in Les Milles
Melanie Mane, kam 1942 nach Auschwitz
Eduard Mayer, starb 1941 im Lager Récébédou
Ida Mayer, kam 1944 nach Auschwitz
Richard Mayer, kam 1942 nach Auschwitz
Bertha Mayer, geb. Honig, kam 1942 nach Auschwitz
Maximilian Mayer, kam 1942 nach Auschwitz
Hermine Mayer, geb. Weil, kam 1942 nach Auschwitz
Heinz Mayer, emigrierte in die USA
Theodor Mayer, starb 1940 in Gurs
Adelheid Morgenthau, kam 1942 nach Auschwitz
Daniel Morgenthau, kam 1943 nach Majdanek
Lina Rödelsheimer, geb. Fleischmann, starb 1940 in Gurs
Bertha Röthler, geb. Strauß, starb 1943 im Lager Noé
Ludwig Schlesinger, kam 1942 nach Auschwitz
Nathan Schlesinger, starb 1941 in Gurs
Selma Schlesinger, starb 1941 in Gurs
Leopold Samson, starb 1941 in Noe
Klara Samson, starb 1940 in Gurs
Gustav Siegel, starb 1940 in Gurs
Wolf Josef Adolf Spinner, starb 1941 in Gurs
Lina Stein, starb 1941 in Gurs
Dr. Karl Strauß, kam 1942 nach Auschwitz
Florentine Strauß, geb. Behr, kam 1942 nach Auschwitz
Adelheid Weil, überlebte in Frankreich
Moritz Weil, starb 1942 im Lager Nexon
Mathilde Weiler, starb 1941 in Gurs
Babette Weiß, geb. Köster, starb 1941 in Gurs
David Wolff, kam 1943 nach Majdanek
Emma Wolff, geb. Wolf, überlebte in Frankreich
Ida Wolf, geb. Marcus, starb 1940 in Gurs
Zusammenstellung: Roland Paul und Eberhard Dittus, Juni 2021
Quellen- und Literaturangaben:
- Pfälzer Juden und ihre Deportation nach Gurs, Schicksale zwischen 1940 und 1945, Roland Paul, Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern 2017
- Archiv der Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt e.V,, Eberhard Dittus, Quartier Hornbach 13 a/b, 67433 Neustadt/W.
Im Jahr 2020 hat der Förderverein Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt an der Weinstraße den 13-minütigen Dokumentarfilm „Gurs 1319 km“ realisiert. Die Produktion des Filmes von Martin Mannweiler wurde finanziell unterstützt durch den Bezirksverband der Pfalz, der Evangelischen Kirche der Pfalz und der Stadt Neustadt an der Weinstraße
Geschichtliche Aufarbeitung
Für das Mahnen und Erinnern an die Terrorherrschaft in Neustadt an der Weinstraße setzt sich im besonderen Maße der Förderverein Gedenkstätte für NS-Opfer ein: www.gedenkstaette-neustadt.de
Die Universität Mainz hat im Jahr 2020 ihre Forschungsergebnisse zu „Neustadt an der Weinstraße und der Nationalsozialismus“ vorgestellt: https://neustadt-und-nationalsozialismus.uni-mainz.de